Was wäre, wenn es wieder Zivis gibt? Für diesen Jahrgang könnte es bald ernst werden

Es ist ein Bild aus einer anderen Zeit: Junge Männer schieben Rollstühle durch Krankenhausflure, fahren Essen zu älteren Menschen oder helfen in sozialen Einrichtungen. „Zivis“ gehörten jahrzehntelang zum Alltag in Deutschland. Dann verschwanden sie.

Mit der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 endete auch der verpflichtende Zivildienst. Wer keinen Wehrdienst leisten wollte, absolvierte stattdessen meist einen sozialen oder gemeinnützigen Dienst. Exakt 50 Jahre lang – der Zivildienst wurde 1961 eingeführt – prägten sie die (Arbeits-)Welt in Deutschland mit. Was wäre, wenn sie zurückkämen?

📌 Zivildienst in Deutschland Dauer: Zuletzt dauerte der Zivildienst sechs Monate. In früheren Jahrzehnten mussten Zivis teils deutlich länger dienen. Rekordjahr: Im Jahr 2000 traten mehr als 124.000 junge Männer ihren Zivildienst an – so viele wie nie zuvor in einem Jahr. Keine Abschaffung: Der Zivildienst wurde 2011 rechtlich nicht abgeschafft, sondern gemeinsam mit der Wehrpflicht ausgesetzt. Gewissensrecht: Das Recht, den Kriegsdienst mit der Waffe aus Gewissensgründen zu verweigern, ist in Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes verankert.

Rückkehr wird bereits von der Merz-Regierung vorbereitet

Das Comeback des Zivildienstes ist inzwischen mehr als ein Gedankenspiel. Denn mit der Debatte über eine Rückkehr der Wehrpflicht stellt sich auch die Frage, was mit jenen geschieht, die den Dienst an der Waffe verweigern. Ganz theoretisch ist die Frage inzwischen nicht mehr. Anfang August 2026 bestätigte der neue Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Thorsten Frei, gegenüber ntv, dass sich die Bundesregierung auf einen möglichen neuen Zivildienst vorbereitet.

Der Hintergrund: Sollte die Wehrpflicht wieder aktiviert werden, braucht es auch eine Regelung für diejenigen, die den Dienst an der Waffe verweigern. Das Bundesfamilienministerium bereitet sich deshalb auf verschiedene Szenarien vor.

Nach Angaben des Ministeriums wurden 23 große Verbände und Organisationen gefragt, welche Kapazitäten sie für Wehrdienstverweigerer bereitstellen könnten. 22 signalisierten laut ntv grundsätzlich ihre Bereitschaft. Nach der Sommerpause will das Ministerium seine Planungen vorstellen. Ohne eine Aktivierung der Wehrpflicht gibt es allerdings auch keinen neuen Zivildienst.

Wie viele Zivis könnten es werden – und welcher Jahrgang wäre vielleicht zuerst betroffen

Ein Altersjahrgang umfasst in Deutschland rund 800.000 junge Menschen, etwa die Hälfte davon sind Männer. Hunderttausende neue Zivis wären es trotzdem nicht: Erst wenn die Bedarfswehrpflicht aktiviert wird, könnten Männer tatsächlich einberufen werden. Und nur ein Teil der Verweigerer käme anschließend für den Zivildienst infrage. Wie viele das wären, kann nicht gesagt werden.

Auch die Zahl möglicher Stellen ist noch unklar. Das Bundesfamilienministerium hat 23 große Verbände und Organisationen nach Kapazitäten gefragt, 22 signalisierten grundsätzlich Bereitschaft. Dass Zehntausende Stellen möglich sind, zeigt die Vergangenheit: 2010 waren noch rund 80.000 Zivis im Einsatz, im Rekordjahr 2000 traten mehr als 124.000 ihren Dienst an. Als Erstes könnten es Männer des Jahrgangs 2008 betreffen. Für sie beginnt ab Juli 2027 die verpflichtende Musterung.

Was würde das für Pflege, Kitas und Co. bedeuten?

Für Pflegeheime, Krankenhäuser und andere soziale Einrichtungen wären zusätzliche Helfer willkommen. Der Personalmangel ist groß, Zeit für persönliche Zuwendung knapp.

Zivis könnten Bewohner begleiten, Essen verteilen, bei Ausflügen helfen, Fahrdienste übernehmen oder organisatorische Aufgaben erledigen. Eine Pflegekraft hätte dadurch mehr Zeit für ihre eigentliche Arbeit. Im Seniorenheim wäre vielleicht wieder ein Spaziergang möglich, für den sonst niemand Zeit hat.

Dazu ein Kommentar aus der Chefredaktion: Mit der Wehrpflicht soll auch der Zivildienst zurückkommen: Die Gen-Z profitiert am meisten

Auch in Kitas könnten zusätzliche Helfer beim Mittagessen, bei Ausflügen oder im Alltag unterstützen. Die pädagogische Verantwortung müsste bei ausgebildeten Fachkräften bleiben. Genau hier liegt aber die Grenze: Zivis wären zusätzliche Hände, keine Fachkräfte. Wäre plötzlich alles besser? Nein.

Ein Zivildienst löst weder den Fachkräftemangel noch schlechte Arbeitsbedingungen oder Finanzierungsprobleme. Problematisch würde es zudem, wenn Einrichtungen dauerhaft mit Zivis kalkulieren und reguläre Stellen durch günstige Hilfskräfte ersetzen. Trotzdem könnte die Betreuung profitieren. Denn gerade Gespräche, Begleitung und gemeinsame Aktivitäten kommen unter Zeitdruck oft zu kurz. Dafür braucht es nicht immer eine ausgebildete Pflegekraft – sondern jemanden, der Zeit hat.

Brauchen wir den Zivildienst überhaupt?

Deutschland hat bereits Alternativen: den Bundesfreiwilligendienst (BFD) und das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ). Rund 80.000 bis 90.000 Menschen leisten in Deutschland jedes Jahr einen BFD oder ein FSJ. Statt einer Pflicht könnte der Staat diese Angebote attraktiver machen. Hier führt die Debatte außerdem zu einer grundsätzlichen Frage: Muss gesellschaftliches Engagement verpflichtend sein?

Ein Dienstjahr könnte durchaus Vorteile haben. Junge Menschen würden Lebenswelten kennenlernen, mit denen sie sonst kaum in Berührung kommen. Manche könnten dabei soziale oder medizinische Berufe für sich entdecken. Auch Begegnungen zwischen unterschiedlichen Generationen und gesellschaftlichen Gruppen könnten wertvoll sein.

Ein Jahr, das in der Lebensplanung fehlt

Für eine Einrichtung bedeutet ein Zivi zusätzliche Unterstützung. Für einen 18-Jährigen bedeutet ein Pflichtdienst möglicherweise ein verlorenes Jahr in der eigenen Planung. Ein Pflichtdienst greift damit in eine Lebensphase ein, in der junge Menschen gerade beginnen, selbst über ihren Weg zu entscheiden. Studium, Ausbildung und Berufseinstieg verschieben sich. Auch finanziell kann das Folgen haben.

Hinzu kommt die Frage der Gerechtigkeit. Der frühere Zivildienst war an die Wehrpflicht für Männer gekoppelt. Bei einem neuen Modell müsste geklärt werden, wer verpflichtet wird. Nur Männer? Oder müsste ein gesellschaftliches Pflichtjahr dann für alle gelten?

Wie lange ein neuer Zivildienst dauern würde, ist noch offen. Zuletzt dauerte er sechs Monate, Sozialverbände bringen für ein neues Modell aber auch neun bis zwölf Monate ins Gespräch.

Ein zusätzlicher Konflikt

Eine weitere Frage lautet hier: Darf eine alternde Gesellschaft ihren Personalmangel teilweise dadurch abfedern, dass sie junge Menschen zum Dienst verpflichtet?

Befürworter würden dagegenhalten, dass ein solcher Dienst nicht nur der Gesellschaft nutzt. Gut organisiert könnte er Orientierung bieten, Erfahrungen vermitteln und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Entscheidend wäre also nicht nur, ob die Zivis zurückkommen, sondern unter welchen Bedingungen.

Der Zivi ist also noch nicht zurück. Aber seine Rückkehr wird wieder zu einer realen politischen Möglichkeit. Am Ende geht es deshalb um eine Abwägung: Wie viel Dienst darf eine Gesellschaft von einer jungen Generation verlangen – und was muss sie ihr im Gegenzug bieten?