Wer bei Aldi einkauft, kennt wahrscheinlich den hungrigen Blick in die Backstation. Warme Brötchen und Croissants liegen in der Auslage, es duftet nach frischem Brot. Viele Kunden greifen automatisch zu, ohne nachzudenken.
Doch stammt dieses Brot wirklich aus echtem Backhandwerk? Jahrelang stritten sich deutsche Bäcker und der Discounter genau darüber vor Gericht. Die Fakten dazu lohnen einen genaueren Blick.
📌 Wissenswertes rund ums Discounter-Brot Rechtlich ist die Grenze klar gezogen: Wer offiziell „backen“ darf, muss in die Handwerksrolle eingetragen sein. Tankstellen etwa dürfen laut Bäcker-Innungsverband nur „bräunen“, nicht backen. Foodwatch-Sprecher Martin Rücker weist darauf hin, dass fertige Teiglinge sogar aus dem Ausland importiert werden können und dabei „kennzeichnungspflichtige Zusatzstoffe“ enthalten. Aldi bewarb seine Backautomaten einst wörtlich mit dem Slogan „Ab sofort backen wir den ganzen Tag Brot und Brötchen für Sie“. Verpacktes Brot mit Mindesthaltbarkeitsdatum gilt nach Definition der Verbraucherzentrale grundsätzlich nicht als „frisch“, unabhängig vom Herstellungsdatum.
Aldi backt kein Brot, sondern erhitzt nur Teiglinge
Die Antwort ist eindeutig. Aldi Süd stattete bereits vor Jahren rund 1.770 Filialen in Süd- und Westdeutschland mit sogenannten Backautomaten aus, wie die „WELT“ berichtet. Kunden drücken einen Knopf, kurze Zeit später fällt die warme Ware aus dem Apparat.
Kneten, gären lassen, formen: All das passiert nicht mehr in der Filiale. Damals lieferte der Bäckereikonzern Lieken die fertigen Teiglinge, während Aldi mit Sprüchen wie „Frisches von morgens bis abends“ und „Ab sofort backen wir den ganzen Tag Brot und Brötchen für Sie“ warb.
Bäcker klagten wegen irreführender Werbung gegen Aldi
Genau diese Werbung sorgte für Streit. Der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks, der nach eigenen Angaben 14.500 Betriebe mit 291.000 Beschäftigten vertritt, verklagte Aldi Süd wegen angeblich irreführender Aussagen. Der Vorwurf: In den Filialen werde nichts gebacken, sondern nur erwärmt.
Vor dem Landgericht Duisburg brachte ein Verbandsreferent den Kern des Streits deutlich auf den Punkt. „Das sind große Blackboxen, wo kein Mensch weiß, was da passiert“, sagte Daniel Schneider laut der „Mitteldeutschen Zeitung„. Sein Fazit fiel klar aus: „Das kann kein Backen sein.“
Aldis Brot unterschritt die üblichen Mehl-Standards
Neben der Werbung ging es im Streit auch um konkrete Rezepturen. Das Roggenmischbrot aus dem Aldi-Backautomaten enthielt laut Klageschrift nur 34 Prozent Roggenmehl, obwohl das Deutsche Lebensmittelbuch für diese Brotsorte 50 bis 90 Prozent vorschreibt. Das beworbene Dinkelvollkornbrot kam demnach auf 42 Prozent Dinkelanteil, verlangt sind eigentlich mindestens 90 Prozent Dinkelerzeugnisse.
„Dort steht zum Beispiel drin, wie der typische Geschmack eines Roggenmischbrotes für den Verbraucher erzielt wird“, erklärte Stefan Körber vom Bäcker-Innungsverband Hessen gegenüber der „HNA„. Auch für Weizenbrötchen gilt eine feste Grenze: Sie müssen laut Körber mindestens 90 Prozent Weizenmehl enthalten.
Ein Brottester hält die Aufback-Qualität für ausbaufähig
Wie schmeckt das Ergebnis am Ende tatsächlich? Ein Back-Experte bewertete Aldi-Backwaren aus dem Automaten, die laut seiner Einschätzung zu 60 bis 70 Prozent bereits teilgebacken angeliefert werden, wie die „Mitteldeutsche Zeitung“ berichtet. Über ein Baguette urteilte er nüchtern: „Ich hätte mir da mehr erwartet.“
Trotzdem relativierte er seine Kritik selbst. „Viele Verbraucher wollen es so“, gab der Tester zu bedenken. Auch die Verbraucherzentrale NRW äußerte sich vorsichtig: Frische sei „ein dehnbarer Begriff“, hieß es dort, gleichzeitig sei es „grundsätzlich heikel, Verbrauchern etwas als frisch vorzugaukeln, was vorgefertigt ist“.
Der Begriff Frische ist rechtlich kaum greifbar
Selbst Fachleute tun sich mit einer klaren Definition schwer. „Lose angebotenes Brot gilt nur am Herstellungstag als frisch“, erklärt Dr. Birgit Brendel von der Verbraucherzentrale Sachsen laut „food-monitor„. Das Altbackenwerden beginnt demnach unmittelbar nach dem Abkühlen, die Kruste verliert schnell ihre Knusprigkeit.
Genau darum drehte sich juristisch auch die Frage, ob ein Discounter mit Sätzen wie „Frisch aus dem Ofen – direkt in die Tüte“ werben darf, obwohl Teig und Hauptbackschritt fernab der Filiale in Großbäckereien entstehen, so „food-monitor“. Abgepacktes Brot mit Mindesthaltbarkeitsdatum fällt ohnehin aus dieser Frische-Definition komplett heraus.
Der niedrige Preis bleibt das stärkste Verkaufsargument
Für viele Kunden zählt am Ende vor allem der Preis. Aldi bewarb seine Backautomaten-Brötchen für 15 Cent und Brote für 1,59 Euro, während ein Weizenbrötchen beim Bäcker 25 bis 30 Cent kostet, rechnet die „HNA“ vor. „Bevor man beim Bäcker sein Brötchen bekommt, schlagen 50 Prozent Personalkosten zu Buche“, erklärt Stefan Körber den Preisunterschied.
Ganz verdrängt hat der Discounter die klassische Bäckerei damit trotzdem nicht. Fachbäckereien verkauften weiterhin mehr als die Hälfte aller deutschen Backwaren, allerdings entfielen davon bereits fast zwei Drittel auf große Bäckereiketten und nicht auf kleine Handwerksbetriebe.
Wer echtes Handwerk sucht, muss genauer hinschauen
Zum Vergleich lohnt ein Blick auf Betriebe, die ihre Prozesse offener beschreiben. „In den Filialen werden die Brötchen dann mit einer Kerntemperatur von 99 Grad komplett gebacken“, erklärte etwa Eckhart Schlinzig von der Bäckerei Herzberger, die Tegut-Filialen beliefert, gegenüber der „HNA“. Ein Detail, das zeigt: Nicht jeder Anbieter behandelt den letzten Backschritt als Geheimnis.
Am Ende bleibt die Unterscheidung eine Preisfrage. Wer schnell und günstig einkaufen will, bekommt beim Discounter solide Aufbackware. Wer echtes Handwerksbrot mit langer Teigführung und klaren Mehlanteilen sucht, kommt am Bäcker seines Vertrauens weiterhin nicht vorbei.
Auch bei Lidl ist die Backtheke beliebt. Bei einigen Produkten schlagen Kunden dabei besonders häufig zu.
