Menschen aus Nordrhein-Westfalen reiben sich beim Blick über die Grenze verwundert die Augen. In den Niederlanden steigen die Menschen aufs Rad, egal ob die Sonne scheint oder der Regen in Strömen fällt. Radfahren gehört dort einfach zum Alltag, ähnlich wie das Zähneputzen am Morgen. Wer verstehen will, warum das so ist, muss sich Straßen, Kultur und Geschichte des Nachbarlandes genauer ansehen.
Für viele Menschen aus NRW sind die Niederlande ohnehin ein beliebtes Ausflugsziel. Am Wochenende steigen Tausende ins Auto oder aufs Rad und fahren über die Grenze. Dort locken Strände, Frikandel und Fritten, aber auch etwas ganz anderes fällt sofort auf. Die Radwege wirken breiter, glatter und durchdachter als viele Strecken im eigenen Bundesland.
Was macht Holland-Radwege so besonders?
In den Niederlanden trennt man Radwege an größeren Straßen häufig baulich vom Autoverkehr. Das Land verfügt zudem über spezielle Radschnellwege, die sogenannten Fietssnelwegen, für den Pendlerverkehr zwischen Städten. Ampeln, Kreuzungen und Streckenführungen werden von Anfang an für Fahrräder mitgeplant. Wege verlaufen dadurch direkter und hängen sinnvoll zusammen.
Diesen Unterschied erlebte auch die Sauerländerin Nicole Nowakowski bei einem Ausflug ins Nachbarland. Auf Instagram schwärmte sie anschließend in einem Video mit dem Titel „Deutschland, wir müssen reden“. In dem Video berichtet die Sauerländerin: „Ich bin noch nie so geil Fahrrad gefahren, wie in Holland.“ Besonders ein glattgepflasterter Weg mitten durch einen Wald begeisterte die Radsportlerin.
Wieso wirkt deutsche Infrastruktur so hinterher?
Zurück in Deutschland fiel Nowakowski der Kontrast sofort auf. Schlaglöcher, plötzlich endende Radwege und zugeparkte Streifen prägen laut ihrer Schilderung den Alltag hierzulande. Sie fragt sich, warum sich überhaupt jemand wundert, wenn Radler auf der Straße fahren. „Ich will einfach nur entspannt Fahrrad fahren“, bringt sie ihren Wunsch auf den Punkt.
Ihr Video traf offenbar einen Nerv. Unter dem Beitrag sammelten sich zahlreiche zustimmende Kommentare. Nutzer beklagten kaputte Wege und fehlende Fahrtrichtungspfeile hierzulande. Andere lobten, wie selbstverständlich sich Radfahrer in den Niederlanden aneinander vorbei bewegen.
Warum radeln Niederländer auch bei Regen?
Regen gilt in den Niederlanden nicht als Grund, das Rad stehen zu lassen. Schon Kinder lernen früh, bei jedem Wetter in die Pedale zu treten. Passende Regenkleidung gehört für viele Haushalte zur Grundausstattung, ähnlich wie ein Schirm. Wer in Holland aufwächst, empfindet Nässe auf dem Sattel offenbar als normalen Teil des Alltags.
Auch die Verkehrstechnik unterstützt Radler bei schlechtem Wetter. In der Stadt Groningen testeten Ingenieure eine besondere Ampelschaltung. Sie schaltet bei Regen schneller und häufiger auf Grün, wie „dw.com“ berichtet. Die Idee dahinter: Radler sollen auch bei Nässe nicht aufs Auto umsteigen.
Steckt mehr als nur Technik dahinter?
Die Niederlande sind zudem flach, das erleichtert das Radeln erheblich. Kurze Distanzen zwischen Wohnort, Schule und Arbeitsplatz tun ihr Übriges. Seit den 1970er-Jahren investiert der Staat gezielt in Radwege und Sicherheit. Diese jahrzehntelange Kontinuität unterscheidet die Niederlande von vielen Nachbarländern.
Radfahren zählt dort längst zum Alltag aller Bevölkerungsschichten. Schüler, Berufstätige und sogar Regierungsmitglieder sitzen regelmäßig im Sattel. Diese breite gesellschaftliche Verankerung erklärt, warum schlechte Radwege in den Niederlanden schnell politisches Gewicht bekommen. Radverkehr zählt dort zum Kern der Mobilitätspolitik.
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Kann NRW von Holland lernen?
Der Anteil des Fahrrads am gesamten Verkehr liegt in den Niederlanden deutlich höher als in Deutschland. Städte- und Verkehrsplaner aus NRW schauen deshalb zunehmend über die Grenze. Einzelne Kommunen testen inzwischen ähnliche Konzepte, etwa getrennte Radwege oder Fahrradstraßen. Ein kompletter Umbau der Infrastruktur benötigt jedoch Zeit und Geld.
Bis dahin bleibt der Blick ins Nachbarland für viele Menschen aus NRW eine Mischung aus Bewunderung und leichtem Neid. Wer einmal auf einem niederländischen Radweg unterwegs war, versteht die Begeisterung schnell. Vielleicht braucht es genau solche Erfahrungen, um auch hierzulande für bessere Radwege zu werben.
