Ich war gerade wieder zu Besuch in meiner Heimat: Spanien. Und während uns so manches Vorurteil vorauseilt, wie zum Beispiel: „Spanier sind unpünktlich“ und „hier geht es etwas chaotischer zu“, habe ich mal wieder feststellen dürfen, dass es in einer Sache mal so gar nicht zutrifft. Ganz besonders nicht im Vergleich zu Deutschland, wo Pünktlichkeit und Organisation so großgeschrieben werden. Bei der Zugfahrt.
Denn während ich in Spanien entspannt in einen Zug steige, der tatsächlich fährt, wann er soll, und bei dem ich nicht schon vor Abfahrt drei verschiedene Apps auf Verspätungsanzeigen prüfen muss, frage ich mich in Deutschland mittlerweile regelmäßig: Wie kann ein Land, das für seine Organisation und Pünktlichkeit bekannt ist, eigentlich so ein Chaos auf der Schiene veranstalten? Und es hört nicht hier auf: Können sich deutsche Reisende mal bitte organisierter verhalten? Ein Erfahrungsbericht.
📌 Spanien macht’s vor
Spanien hat Deutschland beim Hochgeschwindigkeitsnetz längst überholt: Mit rund 4.000 Kilometern verfügt das Land über eines der größten Hochgeschwindigkeitsnetze der Welt.
330 km/h sind drin: Spanische Hochgeschwindigkeitszüge können je nach Baureihe mit bis zu 330 km/h unterwegs sein.
Seit 1992 Vollgas: Spaniens Hochgeschwindigkeitszeitalter begann mit der Strecke Madrid–Sevilla – pünktlich zur Expo in Sevilla und den Olympischen Spielen in Barcelona.
Mehr Konkurrenz auf der Schiene: Auf vielen wichtigen Strecken fahren neben Renfe auch Ouigo und Iryo. Die Reisenden haben damit mehr Auswahl als noch vor wenigen Jahren.
Pünktlichkeit wird bezahlt: Bei bestimmten Renfe-Hochgeschwindigkeitsverbindungen gibt es bei deutlichen Verspätungen Geld zurück – bei mehr als 90 Minuten sogar den kompletten Fahrpreis.
Die Vorbereitung
Es fängt bei der Buchung an. Bucht man ein Zugticket bei „Renfe“ – dem spanischen Äquivalent zu „Deutsche Bahn“ – hat man automatisch einen Sitzplatz. Keine 5,50 Euro extra, die man derzeit (Stand Oktober 2026) für einen Platz in der zweiten Klasse zahlen muss. Nur wer den automatisch zugeordneten Sitzplatz ändern und einen selbst bestimmen möchte, muss hierfür 5 Euro extra zahlen. Immerhin aber sieht man bei der Buchung, in welcher Fahrtrichtung man dann sitzt. Bei der Deutschen Bahn hab ich das noch nicht gesehen.
Dann zur Zugfahrt. Kein einziger meiner Züge fiel aus, kam zu spät oder fuhr zu spät ab. Und dann denke ich an Deutschland: das Land, in dem Pünktlichkeit und Organisation quasi zum nationalen Selbstverständnis gehören. Ausgerechnet hier ist Zugfahren häufig ein kleines Glücksspiel. Und entweder hab ich besonderes Pech im Spiel oder die Deutsche Bahn ist einfach chaotisch, nicht die spanische.
Der Kampf um das Ein- und Aussteigen
Wir alle kennen es. Die Menschen steigen in die Waggons, alle Türen werden dafür benutzt. Dann beginnt im Waggon selbst der Kampf um den Sitzplatz. Von vorne und hinten drängen sich die Menschen in alle Richtungen, manche scheinen es hier besonders eilig zu haben und der Meinung zu sein, mehr Anrecht auf ein schnelles Sichsetzen zu haben als die anderen – und das Gepäck mittendrin. Bis alle sitzen, muss mindestens einer eine Weile halb gekrümmt auf einem Sitzplatz stehen, der nicht ihm gehört. Dann sitzen Menschen auf Plätzen, die ihnen nicht gehören.
Letzteres kann in Spanien aus genannten Gründen nicht passieren. Dann zum Ausstieg. Auch hier zeigen die Spanier die Geordnetheit, die doch eher den Deutschen zugesprochen wird.
Ankunft im Bahnhof Madrid-Chamartín – Endstation. Meine Mitreisenden stehen in Ruhe auf und steigen in Fahrtrichtung aus dem Zug. Niemand drängelt von hinten – wer vor einem sitzt, den lässt man zuerst raus.
Übrigens: Das ordentliche und geduldige Aussteigen trifft genauso, wenn nicht gar noch mehr, auf eine Reise mit dem Flugzeug hier zu. Während die Deutschen für gewöhnlich bereits aufspringen, obwohl das Flugzeug gefühlt noch nicht mal gelandet ist, bleiben Spanier sitzen und steigen dann Reihe um Reihe aus.
Ein Appell
Vielleicht sollten wir uns in Deutschland von den Spaniern an dieser Stelle tatsächlich einmal etwas abschauen. Nicht nur bei der Pünktlichkeit der Züge, sondern vor allem beim Verhalten der Fahrgäste.
Ein Zug ist kein Wettkampf. Wer zuerst aufsteht, gewinnt keinen Preis. Wer sich beim Einsteigen als Erster durch die Tür drängt, kommt am Ende auch nicht wesentlich schneller ans Ziel.
