AfD will Deutschlands Hochschulen umbauen – Forscher warnt vor „autoritärem Modell“

Die AfD in Sachsen-Anhalt hat große Pläne für die Hochschulen im Land. Im April 2026 hat der Landesverband sein Regierungsprogramm beschlossen, und darin steckt ein radikaler Umbau von Universitäten und Fachhochschulen. Die Partei will zurück zur „Herrlichkeit der alten deutschen Ordinarien-Universität“, wie es im Programm heißt.

Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt gewählt, und in Umfragen liegt die AfD mit knapp 40 Prozent klar vorn, deutlich vor der CDU. Die Partei macht keinen Hehl daraus, dass sie am liebsten allein regieren würde.

📌 Wahlen in Sachsen-Anhalt Wahltermin: Am 6. September 2026 wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Umfragelage: Die AfD liegt in aktuellen Umfragen mit knapp 40 Prozent klar an der Spitze, deutlich vor der CDU. Spitzenkandidat der Partei ist Ulrich Siegmund. Machtanspruch: Die AfD strebt an, künftig allein zu regieren. Erreicht sie die absolute Mehrheit, könnte sie laut CHE-Experte Ulrich Müller weitgehend durchregieren, etwa bei Hochschulgesetz und Finanzierungslogik, solange sie nicht die verfassungsrechtlich garantierte Wissenschaftsfreiheit verletzt.

AfD will Bologna-System abschaffen

Ein Kernpunkt der AfD-Pläne ist die Abschaffung des Bologna-Systems, also das Ende von Bachelor- und Masterabschlüssen zugunsten des alten Diploms. Auch interne Mitspracherechte von Studierenden sollen wegfallen, moderne Steuerungsinstrumente wie Zielvereinbarungen ebenso.

Das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) hat das Programm und sämtliche Anträge der AfD-Fraktion im Landtag genau untersucht und kommt zu einem klaren Schluss: Die Vorstellungen der Partei würden Hochschulautonomie und Wissenschaftsfreiheit im Land erheblich einschränken.

Experte kritisiert Pläne der AfD scharf

Im Interview mit „FOCUS online“ wird CHE-Experte Ulrich Müller deutlich. Er spricht von einem „autoritären Hochschulmodell, dessen Zeit längst vorbei ist“ und erinnert daran, was der Begriff Ordinarius eigentlich bedeutet. Anfang des 20. Jahrhunderts hatten Lehrstuhlinhaber enorme Macht, Studieninhalte richteten sich nach ihren persönlichen Vorlieben, und Nachwuchswissenschaftler waren ihrer Willkür ausgeliefert. „Wie kann man sich ernsthaft diese Zeit zurückwünschen?“, fragt Müller.

Besonders scharf äußert er sich zur geplanten Abschaffung des Bologna-Prozesses, die die AfD in ihrem Programm als „wissenschaftspolitischen Irrsinn“ bezeichnet. Für Müller das ist klar eine „ganz schlechte Idee.“ Der Bologna-Prozess habe weit mehr verändert als nur Abschlussbezeichnungen. Es gehe heute auch um Kompetenzen und Praxisorientierung, das europäische Punktesystem ECTS erleichtere die internationale Anerkennung von Studienleistungen, und die vorgeschriebene Akkreditierung sichere die Qualität der Studiengänge. Eine Rückabwicklung würde die Hochschulen laut Müller „weit in die Vergangenheit zurückkatapultieren“.

Partei setzt auf Ideologie statt Wissenschaft

Auch in Fachinhalte will die die AfD gezielt eingreifen. Bestimmte Fächer wie Gender-Studies oder Teile der Soziologie und Politikwissenschaft sollen abgeschafft werden, gleichzeitig sind neue Institute etwa für „kritische Islamforschung“ oder „Klimapolitikfolgen“ geplant. Müller macht deutlich: Die AfD wolle eine „ideologische Weltanschauung in akademische Förderstrukturen gießen“.

Auch beim Begriff Wissenschaftsfreiheit sieht der Forscher eine Täuschung am Werk. Die AfD kehre Begriffe wie Diskriminierung oder Ideologiefreiheit einfach um, um unwissenschaftliche Meinungen wissenschaftlich zu legitimieren. Klimawandelleugnung oder Impfskeptizismus dürfe man als Meinung vertreten, so Müller, aber Wissenschaft müsse solchen Positionen mit Fakten widersprechen. Wer Randmeinungen auf eine Stufe mit seriöser Forschung stelle, greife in die Wissenschaftsfreiheit ein.

Ein teures Experiment für Sachsen-Anhalt

Für den Wissenschaftsstandort Sachsen-Anhalt hätte der Umbau nach Einschätzung des CHE gravierende Folgen. Die Analyse warnt vor geringerer Mobilität, schlechteren internationalen Anschlussmöglichkeiten und mehr politischem Einfluss auf Forschung und Ressourcen. „Die AfD in Sachsen-Anhalt ist wie auch die Bundespartei eine wissenschaftsfeindliche Partei“, erklärt Müller. Populismus vertrage sich schlicht nicht mit seriöser Wissenschaft.

Er befürchtet eine regelrechte Abwanderung von Studierenden und Forschenden, sollte die AfD ihre Pläne umsetzen. „Wer will schon in einem wissenschaftsfeindlichen Umfeld arbeiten, wenn es in anderen Bundesländern attraktivere Alternativen gibt?“, fragt er. Am Ende leide die gesamte Zukunftsfähigkeit des Landes, auch die Wirtschaft, die auf gut ausgebildete Fachkräfte und anwendungsnahe Forschung angewiesen sei.

Hochschulen könnten vor Gericht ziehen

Ganz wehrlos wären die Hochschulen im Ernstfall allerdings nicht. Erreicht die AfD die absolute Mehrheit, kann sie zwar zunächst Hochschulgesetze und Finanzierungslogik nach Belieben ändern. Verletzt sie dabei aber die im Grundgesetz verankerte Wissenschaftsfreiheit, sind diese Rechte vor Gericht einklagbar. Als Vorbild nennt der CHE-Experte US-Universitäten wie Harvard, die sich erfolgreich gegen Eingriffe von Donald Trump gewehrt haben.

Anders als in den USA sprechen deutsche Hochschulen bei wichtigen Fragen mit einer Stimme, über die Landes- und Hochschulrektorenkonferenzen. Müller setzt deshalb auf Solidarität aus dem ganzen Land, sollte es in Sachsen-Anhalt hart auf hart kommen: „Ich rechne mit einer deutlichen und starken Reaktion der deutschen Wissenschaftswelt.“

Dass die AfD wenig von Wissenschaft hält, hat Partei-Chef Tino Chrupalla im ARD-Sommerinterview einmal mehr bewiesen. Hier bezeichnete der den menschgemachten Klimawandel als „Nebenthema“.