Deutsches Formel-1-Idol trotz Paraguay-Flagge? Dürksen spricht Klartext: „Möchte eine Brücke sein“

Hinter Joshua Dürksen liegen bewegende Tage. Als Mercedes-Nachwuchsfahrer durfte der Formel-2-Pilot zuletzt erstmals in einem F1-Auto testen – als erster Paraguayer überhaupt! Das sorgte in der Heimat für einen regelrechten Hype.

Doch auch in Deutschland rückt der Mercedes-Junior damit endgültig ins Licht der Öffentlichkeit. Und das aus gutem Grund. Denn Dürksen hat deutsche Wurzeln, spricht fließend Deutsch und fuhr in den Anfängen seiner Karriere auch mit schwarz-rot-goldener Fahne. Über den Länder-Spagat, wie er beide Nationen stolz machen will, und den Traum von der Formel 1 hat er mit uns im exklusiven Interview gesprochen.

Formel 1: Deutsche Wurzeln, paraguayische Flagge

Redaktion: Hallo Joshua! „Der beste Nachwuchs-Deutsche kommt aus Paraguay“ – so lautete zuletzt die Überschrift eines Motorsport-Fachmagazins. Was geht dir durch den Kopf, wenn du so etwas hörst?

Joshua Dürksen: Das ist ein großartiges Gefühl, muss ich sagen. Ich habe nun einmal deutsche Wurzeln, und es ist toll, dass mich auch die Fans in Deutschland immer mehr unterstützen. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich werde mein Bestes geben, um es bis in die Formel 1 zu schaffen.

In den Anfängen deiner Karriere fuhrst du unter deutscher Flagge, wechseltest dann zur paraguayischen: Warum hast du mit Schwarz-Rot-Gold gestartet und hast dann gewechselt?

Damals wollte mich der ADAC Brandenburg unterstützen, setzte aber eine deutsche Lizenz voraus. Ich war zu diesem Zeitpunkt auf die Unterstützung angewiesen. Mit den Jahren sind aber auch das Interesse und die Unterstützung aus Paraguay so groß geworden, dass ich dann gewechselt bin. Damals hatte ich noch nicht so viele Sponsoren und meinen Eltern blieb kaum Geld. Ich musste deshalb jede Möglichkeit nutzen, um überhaupt weiterfahren zu können.

Motorsport-Deutschland lechzt nach Nico Hülkenberg verzweifelt nach einem neuen Idol in der Formel 1 – und dann tauchst du auf, sprichst fließend Deutsch, kommst aber mit paraguayischer Flagge um die Ecke. Gibt es etwas, was dich dazu bewegen würde, wieder unter deutscher Flagge zu fahren?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich weiter mit der paraguayischen Fahne fahren werde. Nach all der Unterstützung wäre es nicht gerecht, dass ich den Menschen in Paraguay das antue. Aber ich möchte definitiv eine Brücke zwischen Paraguay und Deutschland und zwischen Südamerika und Europa sein. Ich kann und will meine deutschen Wurzeln nicht verstecken und das muss ich zum Glück auch nicht. Ich möchte trotzdem erreichen, dass sich auch deutsche Fans mit mir identifizieren können. Und da ist die Verbindung zu Mercedes natürlich auch sehr hilfreich.

Mercedes-Debüt lässt Dürksens Handy explodieren

Begeisterung für die Formel 1 war dank Michael Schumacher und Sebastian Vettel in Deutschland viele Jahre eine Selbstverständlichkeit. Wie sieht es in Paraguay aus?

Paraguay ist ein Land, das generell nicht nur von der Liebe zum Motorsport, sondern von der Liebe zum Sport im Allgemeinen lebt. Der Hauptsport ist hier eigentlich Rallye, weil wir nicht die Infrastruktur für feste Rennstrecken haben. Aber in letzter Zeit werden viele Paraguayer auf die Formel 1 und die Formel 2 aufmerksam. Ich werde tatsächlich immer häufiger erkannt und auf der Straße auch nach Selfies gefragt. Das ist ein schönes Gefühl, die Unterstützung der Leute zu spüren.

Wie waren die Reaktionen auf deine Testfahrt für Mercedes, wo du als erster Paraguayer in der Geschichte in einem Formel-1-Auto saßt?

Mein Handy ist förmlich explodiert, so viele Nachrichten habe ich bekommen. Von der Familie über Freunde bis zu Bekannten haben mir alle geschrieben. Das war eine riesige Nummer hier in Paraguay. Plötzlich war mein Gesicht in allen Zeitungen. Das ist ein wirkliches Privileg.

Die großen Unterschiede zwischen Formel 1 und Formel 2

Kurz darauf saßt du in Baku dann schon wieder in einem Formel-2-Wagen. War das nicht langsam und langweilig?

Nein, langsam und langweilig wird die Formel 2 nie sein. Natürlich ist der Schritt von einem F1-Auto zu einem F2-Wagen groß. Aber ehrlich gesagt dachte ich, dass ich länger brauchen würde, um mich wieder anzupassen. Mir kam entgegen, dass mein Muskelgedächtnis sehr gut ist und ich mich deshalb schnell wohl gefühlt habe.

Wo liegt zwischen deinem Formel-2-Dienstwagen und den Formel-1-Autos der größte Unterschied?

Auf jeden Fall bei den Bremsen und beim Abtrieb. Es ist unglaublich, wie viel Grip das Formel-1-Auto hat und wie schnell ich damit durch die Kurven jagen konnte. Ich habe das erlebt und gedacht: „Das ist nicht real.“ Und die Kraft, die das Auto hat, um zu bremsen, habe ich so auch noch nicht erlebt. In Sachen Beschleunigung gibt es dagegen gar keinen so großen Unterschied.

Bradley Lord sagte nach dem Test, dass du das Programm mit „Reife und Professionalität“ angegangen bist. Hast du dich im Auto denn schon reif für die Formel 1 gefühlt?

Ich bin ziemlich schnell klargekommen. Weil ich zwei Tage in Portugal hatte, konnte ich alles Schritt für Schritt angehen. Aber die Grundbasis war sofort da, weshalb wir schnell anfangen konnten, Kleinigkeiten zu verbessern. Das lief wirklich gut.

Schleppende Saison in der Formel 2

Dein Auto in der Formel 2 ist ja auch kein allzu schlechtes. Du hast bisher vier Rennen gewonnen. Das sind mehr als dein Teamkollege Rafael Camara, der die Gesamtwertung aber deutlich anführt. Ist das ein Zeichen von mangelnder Konstanz bei dir oder auch Pech?

Ein bisschen von beidem. Ich hatte bisher sicherlich nicht meine persönlich beste Saison. Die Konstanz ist etwas, das fehlt. Das will ich auch unbedingt verbessern. Aber ich muss auch sagen, dass wir dieses Jahr viel Pech gehabt haben. Wir haben mehrfach Punkte nicht bekommen, die uns eigentlich zugestanden hätten, sei es durch Rote Flaggen oder Safety-Cars. Dabei hatte ich oft den richtigen Rhythmus im Qualifying und im Rennen, um in den Top 3 mitzufahren.

Was bekommst du von Mercedes für ein Feedback?

Definitiv wollen wir alle, dass die Resultate besser aussehen. Mercedes unterstützt mich, wo es nur geht, und spornt mich an, weiterzumachen. Das hilft mir sehr und gibt mir immer wieder Kraft, Motivation und Vertrauen.

Dürksens Kampfansage: „Ich will in der Formel 1 fahren“

Du absolvierst derzeit deine dritte Formel-2-Saison, im kommenden Jahr kommt die vierte dazu. Dass man als Nachwuchsfahrer so lang in der Formel 2 fährt, ist ungewöhnlich. Wie viel Zeit gibst du dir noch, um es nach ganz oben zu schaffen?

Mein Ziel ist ganz klar: Ich will Vollzeit in der Formel 1 fahren. Wenn das bedeutet, weiter in der Formel 2 zu bleiben, dann mache ich das. Ich bin mir bewusst, dass es eher ungewöhnlich ist, so lange in dieser Klasse zu bleiben. Aber ich werde erst aufgeben, wenn die allerletzte Tür zur Formel 1 geschlossen ist.