Keine Musik, keine Durchsagen, gedimmtes Licht: In immer mehr Geschäften in Deutschland gibt es die „stille Stunde“. Sie soll Menschen helfen, für die normaler Lärm und grelle Reize beim Einkaufen schnell zu viel werden. Wir erklären, wie das funktioniert und wo es sie gibt.
Im Rewe-Markt im thüringischen Arnstadt, südlich von Erfurt, ist es plötzlich ganz anders als sonst. Man hört nur noch, wie Kunden Lebensmittel in ihre Einkaufswagen legen oder wie Mitarbeiter an der Kasse mit Kunden sprechen. Seit Anfang August gibt es die Aktion dort einmal pro Woche.
📌 Die „Stille Stunde“ im Supermarkt Die Idee stammt aus Neuseeland und wurde dort 2018 zum ersten Mal umgesetzt. Das Angebot hilft Menschen, die mit Lärm und anderen Reizen Schwierigkeiten haben. Dazu zählen Autisten und Menschen mit Alzheimer, Demenz oder ADHS. Nicht nur Supermärkte machen mit. Ikea bietet zum Beispiel seit Juni jeden Mittwoch zwei Stunden mit weniger Reizen an.
Was passiert in der „stillen Stunde“?
Im Arnstädter Markt gilt dienstags zwischen 16 und 17 Uhr: Die Geräuschkulisse wird auf ein Minimum reduziert. Die Kassengeräusche werden leiser gestellt. Es wird nicht geputzt und keine Ware verräumt. Die Beleuchtung wird gedimmt.
„Eigentlich gibt es nur ein paar kleine Schräubchen, die wir anpacken müssen“, sagt Marktchef Frank Ortlepp.
Für wen ist das Angebot gedacht?
Fabian Diekmann, Fachreferent bei Autismus Deutschland, erklärt: „Eine ‚stille Stunde‘ ist für Menschen gedacht, die etwa Schwierigkeiten mit lauter Akustik haben, aber eben auch mit Blick auf andere Reize, die Stress verursachen können.“ Die Barriere werde „runtergefahren“, um einen niederschwelligen Zugang zu ermöglichen.
Profitieren können demnach nicht nur Autisten, sondern auch Menschen mit Alzheimer, Demenz oder ADHS.
Die Idee kommt aus Neuseeland
Die „stille Stunde“ wurde 2018 in Neuseeland erstmals umgesetzt. Das sagt Rebecca Lefèvre vom Verein Gemeinsam Zusammen. Sie leitet die Initiative „Stille Stunde – Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen sichtbar machen“. Anfangs hätten nur eine Handvoll Märkte mitgemacht. 2023 startete der Verein eine Kampagne, um bundesweit für das Konzept zu werben.
Lefèvre ist selbst betroffen. Früher habe sie den Einkauf mit ihrem Mann oft nach der Hälfte abbrechen müssen, weil es ihr zu viel wurde. Die ruhigeren und weniger hellen Zeiten machten vieles leichter. „Das ist dann schon toll, wenn man wirklich weiß, ich kann jetzt hier durchgehen“, sagt sie.
Persönliche Betroffenheit als Antrieb
Damit ein Markt mitmacht, braucht es laut Diekmann oft jemanden mit persönlicher Motivation. „Die meiste Dynamik entsteht, wenn jemand an verantwortlicher Position ist, der eine familiäre Betroffenheit hat.“ Das gelte für viele Bereiche der Inklusionsarbeit: „Das ist der Schlüssel für vieles.“
So war es auch in Arnstadt. Die Idee brachte eine Kollegin aus der städtischen Arbeitsgemeinschaft zur Barrierefreiheit ein, deren eigenes Kind betroffen ist. Das berichtet der Vorsitzende des Gremiums, Henrik Fröhlich. Die Arbeitsgemeinschaft schrieb mehrere Märkte an. Ortlepp reagierte.
Wie kommt das Angebot an?
Rückmeldungen von Betroffenen hat Ortlepp bisher nicht erhalten. Auch Kritik, etwa dass es zu dunkel sei, gab es nicht. Manche Kunden bemerkten die Veränderungen sogar gar nicht. Eine Kundin erzählt, sie empfinde die reduzierten Reize nach Feierabend als sehr entspannend. Auch die Mitarbeiter finden es laut Ortlepp „superangenehm“, wenn es eine Stunde lang etwas ruhiger zugeht.
Auch Ikea und Museen machen mit
Wie verbreitet ist die „stille Stunde“ inzwischen? Rewe und Edeka erklären, dass einige ihrer Märkte das Konzept umgesetzt haben. Konkrete Zahlen gibt es nicht, da die Teilnahme freiwillig ist.
Nach Angaben von Lefèvre haben sich rund 300 Stellen beim Verein registriert. Die tatsächliche Zahl dürfte höher sein, weil sich viele gar nicht mehr anmelden. „Das ist schon schön, dass das inzwischen so weit gekommen ist“, sagt sie.
Das Bundessozialministerium unterstützt die „stille Stunde“ im Rahmen der Kampagne „Deutschland wird barrierefrei. Mit Dir.“, die im vergangenen Jahr gestartet ist. Wie viele Unternehmen mitmachen, weiß das Ministerium nicht.
