Im tropischen Pazifik läuft ein Klimaereignis ab, das Fachleute in dieser Form noch nicht beobachtet haben. Die Wassertemperaturen in der maßgeblichen Niño-3.4-Region steigen seit Monaten schneller, als die Modelle es zu Jahresbeginn berechnet hatten. Inzwischen deuten sämtliche ausgewerteten Klimamodelle auf einen Rekord-El-Niño hin. Der Höhepunkt wird gegen Ende des Jahres erwartet.
Entscheidend ist ein Meeresgebiet zwischen 5 Grad nördlicher und 5 Grad südlicher Breite sowie 170 und 120 Grad westlicher Länge. Dort messen Fachleute die Abweichung der Meeresoberflächentemperatur vom langjährigen Mittel. Mitte September lag dieser Wert vorläufig bei rund 3 Grad über der Referenzperiode 1991 bis 2020. Damit übertrifft der Pazifik bereits jetzt frühere Tagesrekorde deutlich.
📌 Fakten zu El-Niño Den Namen prägten peruanische Fischer. Weil die Erwärmung oft um die Weihnachtszeit auftrat, sprachen sie vom „Christkind“. Der Southern Oscillation Index, ein Maß für den Luftdruckunterschied im Pazifik, fiel im Juli 2026 auf minus 29,1. Stark negative Werte zeigen eine geschwächte Walker-Zirkulation an. Parallel erwarten Modelle einen positiven Indischen-Ozean-Dipol von September bis Dezember. Beide Klimamuster treten häufig gemeinsam auf. Der El Niño 2023/24 trug dazu bei, dass 2024 das wärmste je gemessene Jahr wurde. Fachleute halten einen neuen Rekord für möglich. Ein El-Niño-Ereignis dauert typischerweise neun bis zwölf Monate und wiederholt sich alle zwei bis sieben Jahre.
Warum rechnen alle Modelle mit einem Rekord?
Klimamodelle liefern keine Messwerte, sondern Szenarien für die kommenden Monate. Ungewöhnlich ist deshalb weniger die Höhe der Prognose als die Einigkeit der Rechenläufe. Für November 2026 erwarten die Modelle einen Höhepunkt von etwa 4 Grad über dem Durchschnitt. Die meisten Berechnungen bewegen sich zwischen 3,7 und 4,2 Grad.
Zum Vergleich: Beim bisherigen Rekord-Ereignis 2015/16 erreichte die Abweichung rund 2,7 Grad. Wie FOCUS online unter Berufung auf eine Auswertung des Klimaforschers Zeke Hausfather berichtet, zeigen alle 14 untersuchten Modelle in dieselbe Richtung. Für Februar 2027 liegt die Wahrscheinlichkeit eines sehr starken El Niño demnach bei 97 Prozent. Ein derart geschlossenes Bild gab es bei früheren Ereignissen nicht.
Was zeigen die internationalen Modellauswertungen?
Ein breiteres Bild liefert die monatliche Auswertung des International Research Institute for Climate and Society der Columbia University. Von 26 dynamischen und statistischen Modellen ordnen 25 das Ereignis im Zeitraum Oktober bis Dezember als „sehr stark“ ein. 15 Modelle sagen sogar Werte von mindestens 3 Grad voraus. Diese Kategorie liegt jenseits der bislang verwendeten Skala.
Die Ursache dafür liegt unter der Wasseroberfläche. In Tiefen zwischen 50 und 150 Metern hat sich ein gewaltiges Wärmereservoir aufgebaut. Gleichzeitig schwächen sich die Passatwinde ab, die sonst warmes Wasser nach Westen treiben. Beide Prozesse verstärken sich gegenseitig und treiben die Oberflächentemperatur weiter nach oben.
Wie sicher ist die Prognose wirklich?
Auch das europäische Wettermodell ECMWF hat seine Vorhersage mehrfach nach oben korrigiert. Nach Angaben von Meteored überschreiten in der Augustberechnung fast alle Ensemble-Mitglieder die Marke von 3 Grad. Mindestens die Hälfte der Simulationen sieht den Höhepunkt bei etwa 3,3 Grad. Im Januar hatte dasselbe Modell für Juli noch Werte unter 1 Grad erwartet.
Trotzdem bleibt Vorsicht angebracht. Ein El Niño dieser Größenordnung wurde von den heutigen Vorhersagesystemen noch nie begleitet und anschließend überprüft. Die Modelle bewegen sich damit in einem Bereich ohne Vergleichsdaten. Ob der Rekord tatsächlich fällt, zeigt sich erst zum Jahreswechsel.
Wie reagieren Behörden und Hilfsorganisationen?
Die Weltorganisation für Meteorologie hat bereits im Spätsommer eine ungewöhnlich deutliche Warnung veröffentlicht. Generalsekretärin Celeste Saulo sprach von einer Wahrscheinlichkeit von nahezu 100 Prozent, dass El Niño bis Februar 2027 anhält. Eine solche Sicherheit habe die Organisation noch nie ausgedrückt, erklärte sie laut WMO. Sollte sich der Trend fortsetzen, könnte das Ereignis stärker ausfallen als alles seit Beginn der Überwachung.
Betroffen sind Landwirtschaft, Fischerei, Energieversorgung und Lieferketten. Panama hat einen nationalen Notstand ausgerufen, die Kanalbehörde spart Wasser. Peru meldete für rund 40 Prozent des Landes den Notstand wegen Überschwemmungen und Erdrutschen. In Afrika koordiniert die Afrikanische Union eine gemeinsame Vorbereitung.
Welche Folgen drohen in Europa?
Die typischen Muster sind bekannt. In Teilen Südamerikas steigt das Risiko für Starkregen und Überschwemmungen, in Australien, Indonesien und Teilen Afrikas droht Trockenheit. Im Süden der USA verschiebt sich der winterliche Sturmzug häufig nach Süden. Die Stärke des Ereignisses erlaubt allerdings keine direkte Vorhersage für einzelne Regionen.
Für Europa fällt der Zusammenhang deutlich schwächer aus. Untersuchungen deuten darauf hin, dass starke El-Niño-Ereignisse den stratosphärischen Polarwirbel anfälliger für Störungen machen können, wie watson unter Verweis auf mehrere Modellstudien berichtet. Ob daraus im Winter 2026/27 tatsächlich Kaltluftvorstöße entstehen, lässt sich aus saisonalen Modellen nicht ableiten. Belastbare Winterprognosen für Deutschland gibt es derzeit nicht.
