Wenn Schalke spielt, stehen Andreas und Thomas gemeinsam im Stadion. Politisch könnten die beiden Freunde aus Gelsenkirchen in NRW jedoch kaum weiter auseinanderliegen. Andreas wählt AfD, Thomas die Linke. Früher machten beide ihr Kreuz bei der SPD. Das zeigt eine Reportage vom NDR.
Ihre Geschichte steht beispielhaft für eine bemerkenswerte Verschiebung unter Arbeitern. Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte die AfD in dieser Gruppe laut Forschungsgruppe Wahlen 30 Prozent und wurde stärkste Kraft. Doch ausgerechnet wirtschaftspolitisch vertritt die Partei Positionen, von denen Beschäftigte mit kleinen Einkommen nicht zwangsläufig profitieren.
📌 AfD – die Partei der Arbeiter 37 Prozent: Unter Produktionsarbeitern lag die AfD-Wahlpräferenz 2025 laut WSI bei knapp 37 Prozent. 27 Prozent: Auch bei Beschäftigten in Dienstleistungsberufen war die AfD überdurchschnittlich stark. Ost-West-Unterschied: Bei Produktionsarbeitern erreichte die AfD im Osten 55 Prozent, im Westen 34 Prozent. 36 Prozent: Von Befragten, die sich selbst als Arbeiter einordneten, wählten gut 36 Prozent AfD. Bei Angestellten waren es 18 Prozent.
Zwei Freunde, zwei Parteien
Andreas ist gelernter Gebäudereiniger. Für ihn hat die SPD ihre frühere Rolle als Partei der Arbeiter verloren. Heute sieht er diese Rolle bei der AfD. Thomas teilt die Unzufriedenheit mit der SPD, zieht daraus aber andere Konsequenzen. Er wirft den Sozialdemokraten vor, zu wenig gegen soziale Ungleichheit getan zu haben. Deshalb wählt er inzwischen die Linke.
Besonders deutlich wird der politische Unterschied beim Thema Migration. Andreas erklärt im NDR-Beitrag, dass ihm wohlhabende Menschen im Alltag kaum begegneten. Menschen mit Migrationsgeschichte nehme er dagegen täglich wahr.
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Dabei unterstellt er einem Teil der Zugewanderten, nicht arbeiten zu wollen. Sie würden dem Staat „nur auf der Tasche liegen“, lautet seine Wahrnehmung. Thomas sieht genau darin eine politische Strategie: Wirtschaftlich schwächere Gruppen würden gegeneinander ausgespielt.
AfD bei Arbeitern besonders stark
Wie groß der Erfolg der AfD in bestimmten Berufsgruppen ist, zeigen Daten des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung. Unter Beschäftigten in Dienstleistungsberufen lag die AfD-Präferenz 2025 bei 27 Prozent.
Noch auffälliger ist das Ergebnis in Produktion und Handwerk. Unter Produktionsarbeitern entschieden sich knapp 37 Prozent für die AfD. Im Osten lag der Wert sogar bei 55 Prozent, im Westen bei 34 Prozent.
Ausgerechnet wirtschaftsliberale Politik
Das wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich. Eine vom NDR-Magazin „Panorama“ beauftragte Untersuchung des Politikwissenschaftlers Floris Biskamp ordnet die Wirtschafts- und Sozialpolitik der AfD klar dem marktliberalen Spektrum zu.
Biskamp analysierte dafür unter anderem Partei- und Wahlprogramme sowie Wahl-O-Mat-Antworten. Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte die AfD auf seiner Skala 92 von 100 Punkten in Richtung Marktliberalismus. Nur die FDP lag mit 100 Punkten darüber.
Warum wählen Arbeiter AfD?
Der Widerspruch lässt sich laut den Forschern auch dadurch erklären, dass wirtschaftliche Eigeninteressen nicht allein über die Wahlentscheidung bestimmen. Klassische Verteilungskonflikte zwischen Arm und Reich haben für Teile der Arbeiterschaft an Bedeutung verloren.
Die AfD bietet stattdessen eine andere Erklärung gesellschaftlicher Konflikte an. AfD-Sozialpolitiker René Springer formuliert es gegenüber dem NDR so: Die soziale Frage verlaufe heute weniger zwischen „unten und oben“, sondern zwischen „innen und außen“. Damit rückt vor allem Migration in den Mittelpunkt.
Schalke verbindet sie trotzdem
Bei Andreas scheint diese Erzählung zu verfangen. Thomas hält dagegen und sieht die Ursachen sozialer Probleme stärker in der Verteilung von Einkommen und Vermögen. Politisch liegen zwischen den Freunden inzwischen Welten. Eine Sache bleibt davon unberührt: Schalke 04. Heimspiel oder Auswärtsspiel, die beiden gehen weiterhin gemeinsam ins Stadion.
