Kaum private Vorsorge nötig: Warum die Niederländer mehr Rente bekommen

Deutschland streitet wieder über die Zukunft der Rente. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte zuletzt erklärt, die gesetzliche Rentenversicherung werde künftig allenfalls noch eine Basisabsicherung darstellen können. Doch wie könnte ein System aussehen, das trotzdem den Lebensstandard im Alter sichert? Ein Blick in die Niederlande zeigt eine mögliche Antwort.

Wie die „Deutsch-Niederländische Handelskammer“ erklärt, landet das niederländische Rentensystem in internationalen Vergleichen seit Jahren regelmäßig auf Spitzenplätzen. Sein Erfolgsgeheimnis: Die Altersvorsorge wird auf mehrere Schultern verteilt – und die für Arbeitnehmer entscheidende Zusatzvorsorge läuft überwiegend automatisch über den Arbeitsplatz.

📌 So funktioniert die niederländische Rente 1. Säule: Staatliche AOW-Grundrente 2. Säule: Betriebliche Pensionsfonds 3. Säule: Freiwillige individuelle Vorsorge Betriebliche Vorsorge: Rund 90 Prozent der Beschäftigten zahlen ein Finanzierung: Häufig etwa zwei Drittel Arbeitgeber, ein Drittel Arbeitnehmer Anlage: Professionelle Investitionen am Kapitalmarkt Private Vorsorge: Vor allem Ergänzung und zum Schließen individueller Lücken Reform: Seit 2023 Übergang zu stärker individualisierten Rententöpfen und kapitalmarktabhängigen Leistungen

Das „Cappuccino-Modell“

Die Niederländer sprechen von einem Drei-Säulen- oder „Cappuccino-Modell“: staatliche Grundrente, betriebliche Altersvorsorge und freiwillige private Vorsorge.

Der große Unterschied zu Deutschland beginnt bei der staatlichen Rente, der AOW. Ihre Höhe richtet sich nicht nach dem früheren Einkommen. Entscheidend ist vielmehr, wie lange jemand in den Niederlanden gelebt hat. Wer die maßgeblichen 50 Jahre vollständig erreicht, bekommt die volle Grundrente; für fehlende Jahre gibt es Abschläge. Diese staatliche Leistung soll bewusst vor allem die Basis sichern. Den gewohnten Lebensstandard finanziert maßgeblich die zweite Säule.

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Und genau hier liegt eine der größten Stärken des niederländischen Modells: Rund 90 Prozent der Beschäftigten zahlen in Pensionsfonds ein, meist aufgrund verpflichtender Branchen- oder Tarifregelungen. Arbeitgeber und Arbeitnehmer finanzieren die Beiträge gemeinsam. Typischerweise übernimmt der Arbeitgeber etwa zwei Drittel, der Beschäftigte ein Drittel.

Das Geld wird professionell und langfristig am Kapitalmarkt investiert. Die niederländischen Pensionsfonds gehören dadurch zu den größten institutionellen Investoren Europas. Statt dass jeder Arbeitnehmer selbst Aktien, ETFs, Versicherungen oder andere Vorsorgeprodukte auswählen muss, erfolgt ein wesentlicher Teil der zusätzlichen Altersvorsorge kollektiv.

Private Rentenversicherung? Für viele nur eine Ergänzung

Die private Vorsorge bildet lediglich die dritte Säule. Sie ist besonders für Selbstständige, Menschen mit Lücken in ihrer Erwerbsbiografie oder internationale Beschäftigte wichtig. Private Vorsorge ist in den Niederlanden durchaus Bestandteil des Systems.

Für viele regulär Beschäftigte ist sie aber weniger entscheidend, weil die betriebliche Altersvorsorge bereits eine sehr große Rolle übernimmt. Das unterscheidet das Modell von einer Debatte, in der Beschäftigte zusätzlich zur gesetzlichen Rente weitgehend selbst vorsorgen sollen.

Niederlande bauen ihr Erfolgsmodell trotzdem um

Perfekt ist auch das niederländische System nicht. Alterung, Inflation, niedrige Zinsen und veränderte Erwerbsbiografien setzen die Altersvorsorge ebenfalls unter Druck. Deshalb läuft seit 2023 eine grundlegende Reform. Künftig wird stärker mit persönlichen Rententöpfen gearbeitet. Die spätere Leistung hängt deutlicher davon ab, wie viel eingezahlt wurde und welche Kapitalmarktrenditen erzielt wurden.

Auch das Risiko wird nach Alter differenziert: Jüngere können stärker chancenorientiert investieren, während bei Älteren stabilere Anlagen eine größere Rolle spielen. Damit werden die Renten transparenter, zugleich aber weniger vorhersehbar. Feste Garantien werden teilweise durch ein System ersetzt, in dem Kapitalmarktrisiken sichtbarer beim Versicherten ankommen.

Was Deutschland davon lernen könnte

Die entscheidende niederländische Idee lautet damit nicht einfach „mehr private Vorsorge“. Im Gegenteil: Kapitalgedeckte Vorsorge wird für einen Großteil der Arbeitnehmer kollektiv organisiert und eng mit dem Arbeitsplatz verbunden.

Deutschland müsste nach diesem Vorbild klarer trennen: Der Staat stellt eine verlässliche Basis bereit, die betriebliche Altersvorsorge sichert einen erheblichen Teil des Lebensstandards und private Vorsorge schließt individuelle Lücken.

Genau darin könnte eine Antwort auf Deutschlands Rentenproblem liegen: Nicht jeder Bürger muss allein zum Finanzexperten werden – sondern ein großer Teil der zusätzlichen Altersvorsorge wird automatisch und professionell organisiert.