Drei Tage nach der Wahl in Sachsen-Anhalt saß Friedrich Merz im Bundestag und wehrte sich, live übertragen, gegen den Ruf nach seinem eigenen Rücktritt. Genau dieses Bild, ein Kanzler in der Defensive, mitten in der eigenen Generaldebatte, zeigt, wie schnell sich die Stimmung gedreht hat. Nach dem Wahldebakel der CDU fragen erste Stimmen aus der Union offen, ob Merz noch der richtige Mann an der Spitze bleibt.
Ruhe dürfte so schnell kaum einkehren. Schon in gut einer Woche stehen die nächsten Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern an. In der Hauptstadt liegt ausgerechnet die Linke im aktuellen ZDF-Politbarometer Extra knapp vor der CDU. Im Nordosten kämpft die SPD mit der AfD um Platz eins.
Noch sitzt Merz fest im Kanzleramt. Was aber, wenn weitere Niederlagen den Druck so weit erhöhen, dass die Union tatsächlich die Reißleine ziehen will? Kann die CDU ihren eigenen Kanzler überhaupt einfach austauschen? Wer könnte ihm folgen? Und müsste Deutschland anschließend schon wieder wählen? Wir spielen das Szenario durch.
📌 Friedrich Merz geboren 1955 in Brilon seit Mai 2025 Bundeskanzler seit 2022 CDU-Chef früher Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion wirtschaftsliberaler, konservativer Kurs
Wie groß ist der Druck auf Merz wirklich?
Die schlechten Wahlergebnisse treffen einen Kanzler, der ohnehin mit schwachen persönlichen Werten kämpft. Laut einer Erhebung des US-Meinungsforschungsinstituts „Morning Consult“, die Regierungschefs in 24 Demokratien vergleicht, erreicht Merz eine Ablehnung von rund 75 bis 76 Prozent. Auch in Deutschland fällt das Urteil ernüchternd aus. Im ZDF-Politbarometer sagen 54 Prozent, Merz mache als Regierungschef keine gute Arbeit.
Noch unangenehmer dürfte für die Union der Vertrauensverlust sein. In einer Ipsos-Umfrage vom Januar hielten lediglich 17 Prozent der Befragten Merz‘ politisches Handeln für glaubwürdig, 64 Prozent stuften es als unglaubwürdig ein.
Damit geht es für die CDU längst um mehr als persönliche Beliebtheit. Entscheidend könnte irgendwann die Frage werden, ob die Partei noch daran glaubt, mit Merz Wahlen gewinnen zu können.
Merz kennt Ärger aus den eigenen Reihen schon vom ersten Tag
Völlig neu wäre eine schwierige Mehrheitslage für den Kanzler nicht. Schon seine Wahl am 6. Mai 2025 verlief anders als geplant. Im ersten Wahlgang erhielt Merz nur 310 der notwendigen 316 Stimmen, obwohl Union und SPD zusammen über 328 Sitze verfügten. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik scheiterte damit ein designierter Kanzler mit ausgehandeltem Koalitionsvertrag im ersten Wahlgang.
Erst wenige Stunden später bekam Merz in einer zweiten Abstimmung 325 Stimmen und wurde zum Kanzler gewählt. Der Vorgang zeigt vor allem eines: Eine rechnerische Mehrheit auf dem Papier garantiert noch lange nicht, dass jeder Abgeordnete tatsächlich mitzieht. Genau das würde bei einem möglichen Kanzlerwechsel erneut entscheidend.
Kann die CDU Merz überhaupt absetzen?
So einfach, wie ein Parteichef ausgewechselt werden kann, funktioniert es beim Bundeskanzler nicht. Ein Parteitag kann Merz nicht aus dem Kanzleramt wählen. Das Grundgesetz schützt einen amtierenden Regierungschef bewusst vor wechselnden parlamentarischen Stimmungen.
Der Bundestag kann ihm das Misstrauen nur aussprechen, wenn er gleichzeitig einen neuen Bundeskanzler mit absoluter Mehrheit wählt. Dieses sogenannte konstruktive Misstrauensvotum steht in Artikel 67 des Grundgesetzes. Mindestens ein Viertel der Abgeordneten müsste dafür einen Antrag mit einem konkreten Nachfolger stellen. Zwischen Antrag und Abstimmung liegen mindestens 48 Stunden.
Die entscheidende Hürde ist allerdings nicht das Verfahren, sondern die Mehrheit. Die CDU kann ihren Kanzler nicht einfach durch einen anderen Politiker ersetzen. Für einen neuen Regierungschef müssten genügend Bundestagsabgeordnete geschlossen hinter einem Nachfolger stehen, also auch der Koalitionspartner SPD und die Schwesterpartei CSU.
So wurde schon einmal ein Kanzler gestürzt
Dass ein konstruktives Misstrauensvotum funktionieren kann, zeigt die deutsche Geschichte. Am 1. Oktober 1982 verlor Bundeskanzler Helmut Schmidt sein Amt. Der Bundestag wählte Helmut Kohl mit 256 zu 235 Stimmen zu seinem Nachfolger. Vorausgegangen war ein Bruch der sozialliberalen Koalition: Die FDP hatte sich von der SPD abgewandt und unterstützte anschließend die Union. Der Vergleich zeigt zugleich, wie groß die Hürde für einen Sturz von Merz wäre.
1982 existierte bereits eine neue parlamentarische Mehrheit. In der heutigen Lage fehlt genau die. Die SPD signalisiert bislang keinerlei Bereitschaft, die Zusammenarbeit mit der Union wegen Merz zu beenden.
Ohne die SPD wird ein Kanzlerwechsel schwierig
SPD-Chef Lars Klingbeil erklärte nach der Sachsen-Anhalt-Wahl, in den Parteigremien habe es „überhaupt keine Diskussion über personelle Konsequenzen“ mit Blick auf Merz gegeben. Die Sozialdemokraten betonen weiterhin den gemeinsamen Regierungsauftrag mit der Union. Kritik am Kanzler gibt es trotzdem. So warf der Berliner SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach Merz vor, mit dem Ziel angetreten zu sein, die AfD zu halbieren, und stattdessen das Gegenteil erreicht zu haben.
Zwischen öffentlicher Kritik und dem Sturz eines Bundeskanzlers liegt allerdings eine gewaltige Strecke.
Solange die SPD nicht bereit ist, eine andere Personalentscheidung mitzutragen oder die Koalition grundsätzlich infrage zu stellen, bleibt ein erzwungener Wechsel im Kanzleramt politisch äußerst schwer vorstellbar.
Wer könnte Merz überhaupt ersetzen?
Zwei Namen tauchen in Debatten um die Zukunft der CDU immer wieder auf: Hendrik Wüst und Daniel Günther. Beide Ministerpräsidenten gelten in Umfragen als beliebter als Merz selbst. Seit Monaten kursieren Gerüchte über einen „Kanzlertausch“. Bemerkenswerterweise dementierten beide öffentlich energisch. Wüst nannte die Debatte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur „Quatsch“, Günther bezeichnete sie als „absurd“.
Könnte Merz selbst den Weg für Neuwahlen freimachen?
Es gibt noch einen anderen Weg. Olaf Scholz zeigte Ende 2024, wie ein Bundeskanzler selbst einen politischen Neustart herbeiführen kann. Nachdem die Ampel-Koalition zerbrochen war, stellte er die Vertrauensfrage und verlor sie, so wie es absehbar war. Anschließend wurde der Bundestag aufgelöst, am 23. Februar 2025 folgte die vorgezogene Bundestagswahl.
Bei Merz ist die Lage derzeit völlig anders. Seine Koalition mit der SPD besteht, im Bundestag gibt es weiterhin eine Regierungsmehrheit.
Sollte Schwarz-Rot irgendwann zerbrechen, könnte die Vertrauensfrage jedoch ebenfalls zum Instrument werden. Für die Union wäre das ein riskantes Spiel: Neuwahlen würden nicht automatisch einen Neustart bedeuten. Angesichts der aktuellen Stärke der AfD könnten sie die Mehrheitsverhältnisse sogar noch komplizierter machen.
Wie könnte das Gedankenspiel realistisch enden?
Zieht man alle Fäden zusammen, ergeben sich aus der heutigen Lage im Kern drei Szenarien.
Noch ist Friedrich Merz von einem solchen Sturz weit entfernt. Weitere Wahlniederlagen allein würden daran nichts ändern. Gefährlich würde es für den Kanzler erst, wenn aus dem Unmut in der Union der Wille wird, tatsächlich einen Nachfolger zu suchen.
