Die Abnehmspritze spült Milliarden in die Kassen der Pharmariesen. Novo Nordisk kletterte dank Ozempic und Wegovy zu Europas wertvollstem Konzern. Lilly, der schärfste Rivale aus den USA, führt inzwischen sogar das weltweite Ranking der Gesundheitsunternehmen an.
Ganz anders tickt die Stimmung in der Lebensmittelbranche. Der Wirkstoff Semaglutid bremst den Appetit und sorgt für schnelles Sättigungsgefühl. Füllt sich der Einkaufswagen im Supermarkt bald spürbar weniger?
📌 Das steckt hinter den Abnehmmitteln Wirkmechanismus: Die bekannten Abnehmspritzen wie Wegovy und Ozempic enthalten den Wirkstoff Semaglutid, der das körpereigene Hormon GLP-1 nachahmt. Dieses verzögert die Magenentleerung, regt die Insulinausschüttung an und zügelt den Appetit. Nebenwirkungen: Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Bauchschmerzen, Verstopfung und Sodbrennen. Seltener, aber ernster können Entzündungen der Bauchspeicheldrüse oder Gallenblase, Gallensteine sowie allergische Reaktionen wie Nierenversagen oder Herzrasen auftreten. Neue orale Alternative in Entwicklung: Mit Orforglipron wird derzeit eine tägliche Pille als Alternative zu wöchentlichen Spritzen getestet. In der Phase-3-Studie ATTAIN-2 zeigte sich je nach Dosierung eine mittlere Gewichtsreduktion von 5,5 % bis 10,5 % bei Menschen mit Adipositas und Typ-2-Diabetes (gegenüber 2,2 % unter Placebo); bei Personen ohne Diabetes lag der Gewichtsverlust sogar bei 7,8 % bis 12,4 %.
Zahlen zeigen leeren Einkaufskorb im Supermarkt
Eine YouGov-Studie liefert einem Bericht von „Apotheke adhoc“ zufolge erste Hinweise. Haushalte mit GLP-1-Nutzern kauften binnen eines Jahres drei Prozentpunkte weniger ein als andere. Für den Handel bedeutet das Umsatzeinbußen von schätzungsweise 325 Millionen Euro jährlich.
Noch bleibt der Effekt mit 0,16 Prozent am Gesamtmarkt klein. Seit Herbst gibt es die Abnehmhilfe zusätzlich als Tablette in der Apotheke. Schon 2,8 Millionen Haushalte interessieren sich dafür, fast die Hälfte würde wegen der Pille eher zugreifen.
Supermarkt-Regale könnten sich neu sortieren
Die Boston Consulting Group fand heraus: 70 Prozent der Nutzer verändern das Essverhalten der ganzen Familie. Konsumgüterexpertin Karin von Funck erklärt dazu: „Mit der zunehmenden Verbreitung von GLP-1 in Deutschland erwarten wir, dass sich ähnliche Verschiebungen auch hierzulande zeigen werden.“
Auch Tiefkühlhersteller Frosta registriert einen Trend zu kleineren Packungen. Verbraucher portionieren bewusster, einen klaren Beweis für den Spritzen-Effekt liefert das aber nicht.
Verlierer im Supermarkt sind Chips, Süßigkeiten und Limonade. Kartoffelchips landen 25 Prozent seltener im Korb, fünf Prozent der Nutzer kaufen gar keine mehr. In den Niederlanden sinkt der Eistee-Konsum um 30 Prozent, in Italien trinken Nutzer merklich weniger Wein.
Gewinner heißen Obst, Gemüse und Eiweiß. US-Nutzer geben laut BCG 15 Prozent mehr für Obst und Gemüse aus, elf Prozent mehr für proteinreiche Kost. Auch der deutsche Supermarkt spürt das: Arla meldet beim Hüttenkäse ein Plus von über 40 Prozent, Skyr legt sogar um 62 Prozent zu.
Trotz veränderter Vorlieben greifen Nutzer nicht zu knauserigerem Einkaufen. Die BCG-Studie zeigt: Weniger Snacks stehen mehr hochwertigen Produkten gegenüber, die Ausgaben bleiben stabil.
Süßwarenriesen wie Ferrero, Cola, Pepsi und Mondelez schweigen zu möglichen Produktanpassungen. Intersnack bringt stattdessen Protein-Chips auf den Markt, Dr. Oetker setzt verstärkt auf Ballaststoffe und Eiweiß.
Arla betont jedoch eine Grenze: „Nutzer möchten keine Sonderrolle einnehmen, sondern Teil der Gemeinschaft sein, die proteinreiche Ernährung bevorzugt.“ Die Branche erwartet also keine neue Käufergruppe, sondern beschleunigte Trends im Supermarkt von morgen.
