Alice Weidel: Geleakte AfD-Mails zeigen, was sie einst von Björn Höcke hielt

Alice Weidel und Björn Höcke treten heute innerhalb der AfD weitgehend geschlossen auf. Doch interne E-Mails aus den Jahren 2015 bis 2017 zeichnen ein anderes Bild. Damals kritisierte die heutige Parteichefin Höckes politische Positionen teilweise mit deutlichen Worten. Die veröffentlichten Nachrichten zeigen, wie stark Weidel einst vor einer Radikalisierung der AfD warnte.

Mehr als 420.000 E-Mails und rund 48.000 Dokumente aus der internen Parteikommunikation wurden im Internet veröffentlicht. Betroffen sind unter anderem Postfächer von Alice Weidel, Alexander Gauland und der AfD-Bundesgeschäftsstelle. Die Partei bestätigte den Datenabfluss und sprach von einem Angriff auf das deutsche Parteiensystem. Die WELT konnte einen Teil der Nachrichten aus Weidels Postfach auswerten.

📌 Drei weitere Details aus den AfD-Mails Gedeon blieb zunächst in der AfD: Wolfgang Gedeon wurde erst im März 2020 aus der Partei ausgeschlossen, mehrere Jahre nach den internen Auseinandersetzungen. Niederlage bei Vorstandswahl: Im März 2017 unterlag Weidel bei der Wahl der AfD-Landesspitze in Baden-Württemberg knapp dem Höcke-Unterstützer Ralf Özkara. Kritik an AfD-Wahlplakat: Im Mai 2017 bezeichnete Weidel ein Wahlplakat mit einer schwangeren Frau und dem Slogan „Neue Deutsche? Machen wir selber“ intern als „NPD-Plakat“.

Warum kritisierte Weidel Höcke?

Besonders deutlich wurde Weidel bereits im Dezember 2015. Damals sorgte eine Rede Höckes für Aufsehen, in der er von einem angeblichen „lebensbejahenden afrikanischen Ausbreitungstyp“ sprach. Diesem stellte er einen „selbstverneinenden europäischen Platzhaltertyp“ gegenüber. Weidel bewertete diese Aussagen intern als rassistisch und grundsätzlich falsch.

In einer Nachricht an den damaligen Bundesvorstand machte sie ihrem Ärger Luft. Sie schrieb, die Argumentation sei „hochproblematisch“ und warnte vor nachträglichen Erklärungen, Höcke habe seine Aussagen anders gemeint. Auch die Nähe zu rechtsextremen Positionen sah sie als Gefahr für die politische Entwicklung ihrer Partei.

Weidel warnte vor der AfD-Rechtsaußen

Bereits im Oktober 2015 beschäftigte Weidel die Nähe der AfD zur Pegida-Bewegung. Sie befürchtete, dass die Partei dadurch ihre bürgerlichen Wähler im Westen verlieren könnte. In einer E-Mail warnte sie vor der Nähe zu Pegida und zur NPD. Konservative Wähler könnten sich deshalb eher der Union zuwenden, schrieb sie.

Auch die mögliche Beobachtung durch den Verfassungsschutz bereitete ihr Sorgen. Höckes Äußerungen und die Verwendung des Begriffs „Volksgemeinschaft“ könnten dafür ausreichen, warnte Weidel im Dezember 2015. Die Partei riskiere damit ihre politische Zukunft. Die WELT dokumentiert in ihrer Recherche mehrere solcher Nachrichten aus dem damaligen Bundesvorstand.

Streit um Antisemitismus und Parteikurs

Im Juni 2016 geriet außerdem der damalige AfD-Abgeordnete Wolfgang Gedeon unter Druck. Über ihn waren antisemitische Schriften bekannt geworden. Der damalige Fraktionschef Jörg Meuthen drohte mit seinem Rücktritt, falls die Fraktion Gedeon nicht ausschließen sollte. Weidel unterstützte intern einen konsequenten Umgang mit dem Fall.

Sie warnte ihre Vorstandskollegen vor den möglichen Folgen. Sollte Meuthen scheitern, werde sich die AfD in eine nicht mehr beherrschbare Richtung verändern, schrieb sie. Wenige Wochen später bezeichnete sie die fehlende Abgrenzung von problematischen Parteimitgliedern als „Nervengift“. Die Partei verspiele dadurch eine historische Chance.

Weidel wollte Höcke ausschließen

Besonders brisant sind die Nachrichten aus dem Januar 2017. Damals hatte Höcke bei einer Veranstaltung der AfD-Jugend in Dresden das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ bezeichnet. Zudem forderte er eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad. Die Aussagen lösten bundesweit heftige Kritik aus.

Weidel brachte daraufhin einen Parteiausschlussantrag gegen Höcke in den Bundesvorstand ein. Darin wurden ihm unter anderem eine Nähe zum nationalsozialistischen Führerprinzip und eine entsprechende Begrifflichkeit vorgeworfen. Intern forderte Weidel ihre Parteikollegen mit den Worten „Wacht endlich auf!“ zum Handeln auf. Sie wollte, dass die Parteispitze die politische Sprengkraft der Rede klar benennt.

Wie kam es zur politischen Annäherung?

Bemerkenswert ist allerdings, wie sich die Situation anschließend entwickelte. Weidel wollte offenbar verhindern, dass ihr Vorgehen gegen Höcke im Sitzungsprotokoll festgehalten wurde. Als Grund nannte sie die bevorstehenden Vorstandswahlen in Baden-Württemberg. Eine öffentliche Eskalation könne der Partei schaden.

Kurz darauf bat Höcke die Parteispitze um Entschuldigung und bezeichnete seine Rede als Fehler. Weidel wertete das als positives Signal und sprach sich dafür aus, die Streitigkeiten zu beenden. Beim Bundesparteitag 2017 wurde sie schließlich zur Spitzenkandidatin gewählt. Auf die Frage nach einem gemeinsamen Wahlkampf mit Höcke antwortete sie: „Ja, natürlich. Wir sind zwei Teile einer Partei.“

Was sagt Weidel heute zu den Mails?

Die veröffentlichten Nachrichten stehen damit in einem deutlichen Kontrast zu Weidels heutiger öffentlicher Haltung. Inzwischen äußert sie sich regelmäßig anerkennend über Höckes Arbeit in Thüringen. Auch seine mögliche Rolle in einer künftigen Bundesregierung brachte sie bereits ins Gespräch.

Auf eine Anfrage der WELT zu den alten E-Mails reagierte Weidels Sprecher zurückhaltend. Er erklärte, die Parteichefin werde sich aktuell nicht dazu äußern. Der Deutschlandfunk berichtete ebenfalls über die frühere interne Abgrenzung Weidels vom rechten Parteiflügel.

Die AfD hatte den Hackerangriff auf ihre IT-Infrastruktur zuvor bestätigt. Sie kritisierte die Veröffentlichung als illegal und erklärte, dass Teile der verbreiteten Inhalte aus dem Zusammenhang gerissen würden. Wie die Tagesschau berichtete, war zunächst nicht unabhängig geklärt, ob sämtliche veröffentlichten Nachrichten authentisch sind. Die von WELT ausgewerteten E-Mails zeichnen allerdings ein konkretes Bild von Weidels damaligen Positionen.

Die politische Bedeutung der Nachrichten liegt vor allem im zeitlichen Vergleich. Sie dokumentieren, dass Weidel innerhalb der AfD früher deutlich schärfer gegen Höcke und andere Vertreter des rechten Parteiflügels Stellung bezog. Später setzte sie öffentlich auf Geschlossenheit. Warum sich ihre politische Kommunikation so stark verändert hat, lässt sich aus den E-Mails allein nicht abschließend erklären.