Budensterben im Ruhrgebiet: Warum die Trinkhalle um die Ecke kämpft

Die Trinkhalle gehört zum Ruhrgebiet wie die Currywurst zum Fritten-Tresen. Trotzdem verschwinden die bunten Buden reihenweise aus den Straßen. In den 1960er-Jahren zählte das Revier rund 18.000 Kioske, heute sind es nach Schätzungen nur noch 3.000 bis 5.000. Supermärkte, lange Öffnungszeiten und der Strukturwandel setzen den Budenbesitzern zu.

Die Geschichte der Trinkhalle beginnt vor rund 150 Jahren mitten in der Industrialisierung. Auf den Zechen zahlten manche Arbeitgeber einen Teil des Lohns in Alkohol aus, Trunksucht war weit verbreitet. Bürger und Stadtväter setzten dagegen auf kleine Verkaufsbuden. Dort gab es zunächst ausschließlich Mineralwasser, um die Arbeiter von Bier und Schnaps fernzuhalten.

📌 Wusstest du das über Trinkhallen? Architekt Martin Gropius, ein Verwandter des späteren Bauhaus-Mitbegründers Walter Gropius, entwarf viele der ersten typischen vier- und achteckigen Trinkhallen-Pavillons im Ruhrgebiet. Nach dem Vorbild der Ruhrgebiets-Seltersbuden entstanden im 19. Jahrhundert auch in Paris, Frankfurt und Hamburg eigene alkoholfreie „Wasserhäuschen“. Schätzungen zufolge werden rund 70 Prozent der Ruhrgebiets-Kioske von Menschen mit Migrationshintergrund betrieben.

Woher kommt die Trinkhalle?

Schon bald boten die kleinen Buden mehr als nur Wasser. Tee, Kaffee, Tabak und Zeitungen kamen dazu, später auch Alkohol. Oft betrieben Bergmannswitwen oder Kriegsversehrte die Stände, um ihre Familie zu ernähren. Die Trinkhalle wurde zum Kleinstgeschäft für den täglichen Bedarf und zum Treffpunkt in der Nachbarschaft.

Ihren Höhepunkt erreichte die Trinkhallen-Kultur in den 1960er-Jahren. Der Kommunalverband Ruhr schätzte die Zahl der Buden 1998 noch auf 18.000. Dann kippte die Lage: Zechen schlossen, ab 1996 durften Supermärkte immer länger öffnen. Handelsexperte Olaf Roik erklärte schon 2012 gegenüber der „Welt„, die kleinen Kioske hätten es zunehmend schwer, weil sich das Sortiment längst zu Tankstelle und Supermarkt verlagert habe.

Warum schließen so viele Kioske?

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Ende der 2010er-Jahre gab es im Ruhrgebiet noch etwa 8.000 Trinkhallen. Inzwischen ist laut „Recklinghäuser Zeitung“ häufig nur noch von 3.000 bis 5.000 Buden die Rede. RTG-Sprecherin Nina Dolezych warnt allerdings vor genauen Zahlen, weil sich Trinkhallen, Paketshops und Mini-Supermärkte kaum sauber trennen lassen.

Wie hart der Alltag treffen kann, zeigt Ibrahim Turkut aus Dortmund. Seit 14 Jahren betreibt er seine Trinkhalle, doch der Konkurrenzdruck wächst. „Überall ist bis 24 Uhr auf“, klagt er über die Supermärkte nebenan.

Mehr als nur ein Geschäft

Für viele Menschen ist die Trinkhalle aber weit mehr als ein Verkaufsstand. Volkskundler Berthold Heizmann beschreibt sie als Klön-Ecke, Info-Börse und „schier unerschütterlichen Felsen in unruhigen Zeiten“. Auch Jörg Wagner vom Dortmunder Kioskclub betont diese Rolle. Die soziale Funktion sei eine ganz andere als bei einer Tankstelle, sagt er.

Wie schmerzhaft ein Verlust sein kann, zeigte sich in Essen. Dort musste der bekannte Kult-Kiosk von Willy Göken einer neuen Wohnsiedlung weichen. Nachbarn und Stammgäste trauerten dem Treffpunkt lange nach. Ein Stück Alltagskultur verschwand mit ihm von der Straße.

Gibt es Hoffnung fürs Büdchen?

Ganz hoffnungslos ist die Lage trotzdem nicht. Seit 2020/2021 zählt die Trinkhallen- und Büdchenkultur offiziell als immaterielles Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen. Durch das Verschwinden klassischer Tante-Emma-Läden entstehen sogar neue Nischen für kleine Nachbarschaftsläden. Manche Betreiber verwandeln ihre Bude inzwischen in eine kleine Eventlocation mit Musik oder Bierverkostung.

Genau das feiert der „Tag der Trinkhallen“, den die Ruhr Tourismus GmbH 2016 ins Leben gerufen hat. Alle zwei Jahre verwandeln sich Hunderte Buden für einen Tag in Bühnen, Cafés oder Partymeilen. „Wie keine andere Institution steht die Trinkhalle für das, was das Ruhrgebiet ausmacht: Zusammenhalt, Vielfalt und Offenheit“, sagt RTG-Chef Axel Biermann laut der „Zeit„. Kioskbesitzer Sven Lauer aus Essen bringt es einfacher auf den Punkt: „Ich kenn hier alle und alle kennen mich.“

Wie geht es weiter mit den Buden?

Der nächste Tag der Trinkhallen ist bereits terminiert. Laut der offiziellen Website des Aktionstags findet er am 19. August 2028 statt. Bis dahin bleibt die Trinkhalle an der Ecke ein fragiles, aber zähes Stück Ruhrgebiet. Ob sie überlebt, entscheidet sich weiterhin Kunde für Kunde, Tag für Tag.