Kita-Notstand in Gelsenkirchen – extreme Verhältnisse in fast 50 Einrichtungen

Armut und fehlende Deutschkenntnisse stellen viele Kitas in Nordrhein-Westfalen vor besondere Herausforderungen. Mit einem neuen Sozialindex will das Land künftig gezielter dort helfen, wo Kinder besonders viel Unterstützung benötigen. Insgesamt 822 Kitas wurden in die beiden höchsten Bedarfsstufen 8 und 9 eingestuft. Besonders häufig liegen diese Einrichtungen in Großstädten und im Ruhrgebiet.

Ab dem Kitajahr 2027 sollen zunächst bis zu 150 ausgewählte sogenannte Chancen-Kitas jeweils 60.000 Euro zusätzlich für Sozialarbeit erhalten. Doch die geplanten Maßnahmen sorgen bereits für Kritik. Sowohl die Opposition als auch Gewerkschaften fordern mehr Geld und Personal, damit Kinder und Familien langfristig von der Förderung profitieren.

📌 Probleme in den Kitas Historische Schließungswelle: Für das Kita-Jahr 2026/2027 schließen in NRW erstmals mehr Kitas (124), als neu eröffnet werden (80). Massiver Fachkräftemangel: Rund ein Drittel aller Kitas muss wegen fehlenden Personals regelmäßig Gruppen schließen oder die Betreuungszeiten drastisch verkürzen. Finanzielle Schieflage: Wegen sinkender Geburtenzahlen fehlen den Kitas Kinder. Da die Finanzierung über „Kindpauschalen“ pro Kopf läuft, brechen den Trägern die Gelder weg. Kritik an der KiBiz-Reform: Die geplante Reform des Landesgesetzes sieht größere Gruppen und weniger Fachkräfte vor. Gewerkschaften warnen vor einem massiven Qualitätsverlust. Fehlende U3-Plätze: Trotz des allgemeinen Rückgangs fehlen vor allem für Kinder unter drei Jahren in Ballungsräumen weiterhin zehntausende Betreuungsplätze.

So funktioniert der neue Kita-Sozialindex

Forschende der Ruhr-Universität Bochum haben für die Berechnung zwei Faktoren untersucht: die Kinderarmut im Umfeld einer Kita und den Anteil der Kinder, die zu Hause überwiegend eine andere Sprache als Deutsch sprechen. Je höher der Indexwert, desto größer sind die erfassten sozialen Herausforderungen. Familienministerin Verena Schäffer von den Grünen betonte, dass der Index nicht die Qualität einer Einrichtung bewerte, sondern den Unterstützungsbedarf aufzeigen solle.

Besonders viele Kitas mit dem höchsten Indexwert gibt es unter anderem in Essen und Duisburg. Gelsenkirchen ist jedoch der traurige Spitzenreiter der Statistik. 48 von 133 Kitas haben einen Index von 9. Nur zwei schafften es, einen Indexwert von 1 zu haben. Der WDR veröffentlichte die Liste mit allen Kitas und deren Index. Dort hat jeder die Möglichkeit, die Bedarfsstufe der Kita seiner Kinder einzusehen.

Kritik an der Finanzierung und Forderungen nach mehr Personal

Die Chancen-Kitas sollen mit dem zusätzlichen Geld beispielsweise Sozialarbeiter finanzieren können, die Eltern bei Behördengängen, Arztbesuchen oder der Beantragung von Zuschüssen für das Mittagessen unterstützen. Insgesamt sind dafür neun Millionen Euro pro Kita-Jahr vorgesehen. Die SPD hält die Förderung allerdings für unzureichend: Insgesamt 1.343 Kitas in NRW haben einen Indexwert von 7, 8 oder 9. Familienpolitiker Dennis Maelzer kritisiert, dass viele Kinder keine Unterstützung erhalten könnten, und fordert zusätzliche Mittel. Auch die FDP bemängelt, dass die neun Millionen Euro aus bereits vorgesehenen KiBiz-Mitteln umgeschichtet werden. Gleichzeitig begrüßte sie die Einführung des Indexes, denn „faire Startchancen“ müssten lange vor der Einschulung beginnen.

Auch die Gewerkschaften ver.di und GEW NRW sehen den Sozialindex als wichtigen Schritt, fordern jedoch verbindliche Verbesserungen. Dazu gehören mehr qualifiziertes Personal, kleinere Gruppen und mehr Zeit für die individuelle Förderung. „Ein Sozialindex allein verbessert noch keine Bildungschancen“, betonte GEW-Landesvorsitzende Ayla Çelik. Jedoch kann dieser Index möglicherweise eine Anregung sein, mehr in Kitas zu investieren.