Pferdefleisch in der Lasagne, Bußgelder vom Kartellamt, verstörende Bilder aus einer Wurstfabrik. Bei Rewe reihten sich in den letzten Jahren einige Krisen aneinander, die man einem Lebensmittelriesen eigentlich nicht wünscht. Mal war der Konzern selbst der Übeltäter, mal traf es ihn eher als Mittelsmann, der für die Fehler anderer geradestehen musste.
Eine offizielle Hitliste der schlimmsten Rewe-Skandale gibt es natürlich nicht, dafür sind die Fälle zu unterschiedlich gelagert. Was zählt, ist am Ende immer dasselbe: wie viele Menschen betroffen waren, welche Konsequenzen folgten und ob der Konzern glaubwürdig reagierte. Sobald Kunden an der Wursttheke misstrauisch werden, wird es für jeden Händler ungemütlich.
📌 Rewe kompakt Die Rewe-Organisation entstand 1927 als genossenschaftlicher Zusammenschluss selbstständiger Kaufleute. Rewe leitet sich von „Revisionsverband der Westkauf-Genossenschaften“ ab. Viele Rewe-Märkte führen selbstständige Kaufleute auf eigene Rechnung. Auch der Lebensmitteldiscounter Penny gehört zur Rewe Group. Mit DERTOUR Group ist der Konzern außerdem im Tourismus aktiv.
Als aus Rind plötzlich Pferd wurde
2013 erschütterte ein Fund halb Europa. In zahlreichen Fertiggerichten steckte Pferdefleisch, obwohl auf der Packung Rind stand. Auch Rewe und die Tochter Penny blieben nicht verschont. Bei einer Fertiglasagne wies die „Stiftung Warentest“ Pferde-DNA nach, kurz darauf verschwand das Produkt aus den Regalen.
Gesundheitlich war das Ganze eher harmlos, das eigentliche Problem lag woanders. Wer Rindfleisch kaufen wollte und stattdessen Pferd im Kühlschrank hatte, fühlte sich getäuscht, ganz gleich, wie ungefährlich das Fleisch war. Für Rewe wurde daraus ein Lehrstück in Sachen Handelsmarken-Haftung. Produziert hatte die Lasagne ein anderer, verkauft wurde sie aber unter Rewes eigenem Namen, und genau dafür machten Kunden am Ende den Händler verantwortlich, nicht den unbekannten Zulieferer irgendwo in Europa.
Wenn das Kartellamt anklopft
Weniger für Empörung, dafür umso mehr für Aufsehen in Fachkreisen sorgte ein ganz anderes Kapitel, Preisabsprachen. Im sogenannten Vertikalfall Kaffee ermittelte das Bundeskartellamt gegen mehrere Handelsunternehmen, Rewe war eines davon. Am Ende standen Bußgelder gegen verschiedene Firmen und verantwortliche Personen.
Das Prinzip dahinter klingt technisch, ist aber im Grunde simpel. Ein Hersteller versucht, seinen Händlern vorzuschreiben, zu welchem Preis sie verkaufen dürfen. Sobald das gelingt, ist der Wettbewerb ausgehebelt, weil Sonderangebote dann keine echten Sonderangebote mehr sind. Für Verbraucher heißt das im schlimmsten Fall, dass sie für einen Kaffee mehr bezahlen, als der freie Markt eigentlich hergeben würde.
Ekel-Alarm aus der eigenen Fabrik
Deutlich unangenehmer wurde es 2022, und zwar nicht bei einem externen Zulieferer, sondern im eigenen Haus. Wilhelm Brandenburg, ein Fleischverarbeiter der Rewe Group, geriet ins Visier von Team Wallraff. Verdeckte Aufnahmen zeigten laut der Recherche mutmaßliche Hygienemängel. Dazu kamen Vorwürfe von Mitarbeitern zum Umgang mit dem Fleisch selbst.
ja! oder REWE Beste Wahl – wo liegt der Unterschied? Wir erklären, was hinter den beiden REWE-Eigenmarken steckt und wann sich der Aufpreis lohnt.
Für Rewe war die Lage kaum zu relativieren, schließlich gehört Wilhelm Brandenburg zum eigenen Konzern und nicht zu einem austauschbaren Lieferanten irgendwo im Ausland. Das Unternehmen räumte teils ein, dass die gezeigten Zustände inakzeptabel gewesen seien, und kündigte Nachbesserungen an, wich bei einzelnen Darstellungen der Sendung aber auch ab. Dieses Hin und Her kennt man von fast jeder Undercover-Recherche. Die Kamera zeigt etwas Belastendes, das Unternehmen liefert danach seine eigene Version der Geschichte. Für Außenstehende bleibt am Ende oft schwer zu beurteilen, ob es sich um Einzelfälle handelte oder um ein echtes Systemproblem.
Bittere Früchte am anderen Ende der Lieferkette
Weiter weg von der eigenen Fleischtheke, aber nicht weniger brisant, ist die Kritik an globalen Lieferketten. Die Organisation „Oxfam“ dokumentierte niedrige Löhne und gesundheitliche Belastungen beim Anbau von Bananen und Ananas, und zwar branchenweit, Rewe eingeschlossen.
Kein Supermarkt pflanzt selbst Obst an, trotzdem entscheiden Einkaufspreise und Vertragsbedingungen mit, wie viel am Ende bei den Menschen auf den Plantagen ankommt. Rewe reagierte mit Lieferantenrichtlinien und einem Bekenntnis zu menschenrechtlicher Sorgfalt. Papier ist bekanntlich geduldig, entscheidend bleibt die tatsächliche Kontrolle vor Ort.
Zwischen Tierwohl-Label und Label-Wirrwarr
Auch bei den Haltungsbedingungen für Fleisch steht Rewe regelmäßig am Pranger, wie praktisch jeder große Händler. Kunden lesen den bekannten Markennamen gerne als eine Art Qualitätsversprechen. Dabei stammen die Tiere in Wahrheit von unabhängigen Höfen, durchlaufen Schlachthöfe und Verarbeiter, bevor sie überhaupt in der Kühltheke landen. Diese lange Kette macht eine lückenlose Kontrolle fast unmöglich.
Um Kunden trotzdem Orientierung zu geben, führte Rewe verschiedene Haltungsstufen und Tierwohl-Siegel ein. Kritiker monieren allerdings, dass sich Käufer im Label-Dschungel kaum noch zurechtfinden. Selbst eine höhere Haltungsstufe ist am Ende nur eine Mindestanforderung, kein Gütesiegel für jeden einzelnen Hof.
Rückrufe gehören zum Geschäft
Wie jeder große Händler veröffentlicht auch Rewe in regelmäßigen Abständen Produktrückrufe wegen Fremdkörpern, falscher Etiketten oder mikrobiologischer Belastung. Für sich genommen ist das noch kein Skandal, im Gegenteil. Ein schnell veröffentlichter Rückruf zeigt eher, dass die Kontrollen funktionieren. Kritisch wird es erst, wenn Warnungen zu spät kommen und Kunden im Zweifel länger belastete Ware im Kühlschrank haben, als nötig gewesen wäre.
Nicht jede Panne verdient das Wort Skandal
Zwischen dem Pferdefleischfall, den Kartellstrafen und den Bildern aus der Wurstfabrik liegen Welten, und genau das macht eine Bewertung schwierig. Beim Pferdefleisch war Rewe Teil einer internationalen Lieferkette, bei Wilhelm Brandenburg ging es um die eigene Tochterfirma, beim Kartellverfahren wiederum um reine Wettbewerbsregeln statt um Lebensmittelsicherheit.
Was alle Fälle eint, ist ihre Wirkung aufs Kundenvertrauen. Zusammengenommen zeigen sie, wie viel schiefgehen kann, wenn ein Konzern in Dutzenden Lieferketten gleichzeitig hängt, vom heimischen Fleischwerk bis zur Ananas-Plantage am anderen Ende der Welt. Größe bringt Einkaufsmacht, sie bringt aber eben auch eine Kontrollpflicht, der man nicht immer gerecht wird.
