Was passiert, wenn Deutschlands wichtigste Industrie einfach verschwindet? Jahrzehntelang war das Auto der Stolz der Nation, der Motor für Wohlstand und Millionen Jobs. Jetzt bröckelt dieses Fundament schneller, als viele für möglich gehalten hätten.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Autobauer haben immer noch einen Anteil von etwa fünf Prozent an der deutschen Wirtschaftsleistung, eine gewaltige Größenordnung für ein einzelnes Industriesegment. Fällt dieser Pfeiler weg, wackelt die gesamte Volkswirtschaft.
📌 Das steckt noch dahinter: Seit dem Vor-Corona-Jahr 2019 sank die Zahl der Jobs in der deutschen Autoindustrie um mehr als 112.000 Stellen. Daimler Truck rechnet damit, dass bis 2030 rund 5.000 Arbeitsplätze in Deutschland wegfallen könnten. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat simuliert, dass bei Verteidigungsausgaben von rund drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts bis zu 200.000 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen könnten. 2024 produzierte die deutsche Automobilindustrie fast vier Prozent weniger als im Jahr zuvor. Nach neuesten Zulassungszahlen liegt der Marktanteil von Elektroautos in Deutschland weiterhin bei etwa 19 Prozent.
Wie dramatisch ist der Jobabbau wirklich?
Die Fakten lesen sich wie ein Krisenbericht. Ende September 2025 waren nur noch 721.400 Menschen in der deutschen Automobilindustrie beschäftigt, ein Minus von 6,3 Prozent binnen eines Jahres. Das ist der niedrigste Beschäftigungsstand seit Mitte 2011, wie die „tz“ unter Berufung auf das Statistische Bundesamt berichtet.
Besonders hart trifft es die Zulieferer. Bei ihnen brachen 11,1 Prozent der Arbeitsplätze weg, während die Hersteller selbst mit einem Rückgang von 3,8 Prozent glimpflicher davonkamen. Keine andere große Industriebranche mit mehr als 200.000 Mitarbeitern verzeichnet einen derart massiven Stellenabbau.
Welche Konzerne trifft es am härtesten?
Die Meldungen reißen nicht ab. 5.000 Jobs fallen bei Daimler weg, 3.000 bei Volvo in der Verwaltung, 35.000 bei VW und 13.000 bei Bosch. Volkswagen stellt zudem die Produktion in Dresden Ende 2025 ein, das Werk in Osnabrück soll im Spätsommer 2027 folgen, wie Euronews berichtet.
Konzernchef Oliver Blume sieht den Standort Deutschland bei der Wettbewerbsfähigkeit weiter zurückfallen. Chinesische Hersteller erobern mit günstigen E-Autos Marktanteile, hohe US-Zölle belasten den Export zusätzlich. Hohe Energiepreise und Bürokratie verschärfen die Lage, warnt der Branchenverband VDA.
Reicht die Politik zum Gegensteuern?
Eine Studie im Auftrag des Wirtschaftsministeriums zeichnet ein düsteres Bild. Bis 2040 könnten in Automobilindustrie sowie Handel und Aftermarket jeweils bis zu 300.000 Arbeitsplätze wegfallen. Das entspricht etwa einem Drittel beziehungsweise der Hälfte der Beschäftigten von 2017.
Finanzminister Lars Klingbeil setzt auf Anreize und verlängert die Kfz-Steuerbefreiung für E-Autos bis 2035. Der IG-Metall-Chefin Christiane Benner reicht das nicht, sie fordert Kaufprämien und Leasingmodelle. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche spricht von einer nötigen Wachstumsagenda, doch konkrete Ergebnisse lassen bislang auf sich warten.
Kann die Rüstungsindustrie die Lücke füllen?
Während Autobauer schrumpfen, boomt ein ganz anderer Sektor. Rheinmetall rechnet in diesem Jahr mit einem Umsatzplus von 40 Prozent, weltweit gingen 350.000 Bewerbungen ein, 250.000 davon aus Deutschland, berichtet „Bild“. Rheinmetall-Chef Armin Papperger will bis 2030 auf 70.000 Beschäftigte wachsen und rechnet erst zwischen 2035 und 2040 mit einem leichten Dämpfer.
Schon heute arbeiten rund 4.500 der 11.500 deutschen Rheinmetall-Zulieferer aus der Autoindustrie. Ehemalige Autowerke werden physisch umgerüstet, etwa in Neuss, wo früher Autoteile entstanden und heute Schutzkomponenten für Panzer gefertigt werden, erklärt das Portal Xpert.Digital. Auch VW-Chef Blume zeigt sich offen für eine mögliche Umwidmung des Werks Osnabrück an Rheinmetall.
Wird Deutschland zum reinen Rüstungsland?
So verlockend die Idee klingt, Ökonomen bremsen die Euphorie. „Die Rüstung wird die Wirtschaft nicht retten“, sagt Martin Gornig vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung gegenüber „Euronews“. Es handle sich um ein Zusatzgeschäft, nicht um einen Ersatz für die riesige Autobranche.
Die Größenverhältnisse bestätigen diese Einschätzung. Die Automobilindustrie bleibt mit ihren rund 725.000 Beschäftigten die zweitgrößte Industriebranche Deutschlands hinter dem Maschinenbau. Die Rüstungsindustrie wächst zwar rasant, bewegt sich aber weiterhin auf einem deutlich kleineren Niveau.
Was bedeutet das für die Zukunft?
Ein kompletter Wegfall der Autoindustrie bis 2040 bliebe also kein Nullsummenspiel, das andere Branchen einfach auffangen. Fachkräfte müssten umlernen, Regionen sich neu erfinden, Lieferketten sich komplett umbauen. Selbst ein Boom bei Waffen und Munition würde diese Lücke nicht schließen.
Ob Deutschland seine Kernindustrie retten kann, entscheidet sich in den kommenden Jahren. Investitionen in Innovation, niedrigere Energiepreise und weniger Bürokratie gelten als entscheidende Stellschrauben. Ohne mutige politische Weichenstellungen droht der Standort seinen wichtigsten Trumpf endgültig zu verspielen.
