Ein russisches Kriegsschiff als Kulisse, scharfe Worte gegen den Westen: Wladimir Putin drohte mit Vergeltung, sollte Europa weiter Tanker seiner Schattenflotte festsetzen. Für deutsche Reeder ist das keine ferne Kremlrhetorik mehr, sondern eine Frage, die sie sehr konkret beschäftigt.
Die EU hatte in ihrem jüngsten Sanktionspaket beschlossen, dass die Ladung beschlagnahmter Schattenflotten-Schiffe künftig verkauft werden darf, ein Schritt, der Moskau spürbar traf. Frankreich, Großbritannien und Schweden setzten bereits mehrfach Tanker fest, mit denen Russland die westlichen Sanktionen umging.
📌 Was heißt eigentlich Piraterie? Völkerrechtlich ein Gewaltakt privater Akteure gegen Schiffe auf hoher See Ziel ist meist Raub oder Erpressung zu privaten, finanziellen Zwecken Staatliches Handeln fällt juristisch nicht unter diesen Begriff Die EU-Kontrollen gegen Russlands Schattenflotte sind hoheitliches Handeln von Staaten, kein Piraterie-Tatbestand Putin nutzt den Begriff daher eher als politischen Kampfbegriff denn als rechtliche Kategorie
Der Kreml wittert „Piraterie“
Bei einem Auftritt an Bord des Kriegsschiffs „Warjag“ wurde Putin (73) deutlich. Was der Westen dort betreibe, sei „nichts anderes als Piraterie und Plünderungen“, so der russische Machthaber, der zugleich Vergeltung ankündigte, ohne konkret zu werden.
Konkreter wurde da schon sein Ex-Präsident Dmitri Medwedew (60). Auf Telegram erklärte er, Russland dürfe Schiffe „feindlicher Staaten“ angreifen, sobald der Verdacht bestehe, dass sie Fracht für den Gegner transportierten, also längst nicht mehr nur bei Waffenlieferungen. Medwedew zufolge könnten russische Streitkräfte ihre Operationen zudem weit über das Schwarze Meer hinaus ausweiten.
Warum auch Berlin nicht entspannt zurücklehnen sollte
Für Historiker Jan C. Behrends (56) steckt dahinter eine klare Strategie. „Putin versucht, westliches Eingreifen wieder in westliches Zaudern zu verwandeln“, sagte er zu BILD. Weil Russlands Ölexporte für den Staatshaushalt überlebenswichtig seien, treffe der Druck auf die Schattenflotte einen wunden Punkt im Kreml.
Aus Moskaus Perspektive verschmelzen Waffenlieferungen, Finanzhilfen für Kiew und die Sanktionen gegen die Schattenflotte längst zu einem einzigen westlichen Störfaktor. Auch wenn Berlin bislang zurückhaltender agierte als Paris oder London, dürfte sich Deutschland deshalb kaum aus der Schusslinie wähnen können.
Behrends sieht vor allem ein psychologisches Kalkül am Werk: Russland wolle im Westen wieder Angst schüren, um den Druck auf Moskau zu senken und weitere Schritte gegen die Schattenflotte zu verhindern.
Ein Zwischenfall, der teuer werden könnte
Maritimer Sicherheitsexperte Moritz Brake warnte gegenüber „Bild“, man solle die russischen Drohungen ernst nehmen. Schon ein einzelner Zwischenfall reiche seiner Einschätzung nach aus, um steigende Versicherungskosten und kostspielige Umwege für Reedereien auszulösen.
Weil Deutschland und Europa wirtschaftlich, politisch und sicherheitspolitisch an funktionierenden Seewegen hängen, sei eine Bedrohung der Handelsrouten alles andere als abstrakt, betonte Brake. Sie berühre die Sicherheit des Kontinents direkt.
Auch der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) rechnet mit Folgen. Angriffe, Festsetzungen oder andere staatliche Eingriffe würden die Risiken auf See erhöhen, was Versicherer zu strengeren Konditionen auf gefährlichen Routen zwingen könnte, während Umwege und Verzögerungen die Kosten zusätzlich in die Höhe treiben.
„Zivile Schiffe dürfen nicht zum Druckmittel werden“
Beim Verband Deutscher Reeder (VDR) beobachtet man die Lage mit wachsender Sorge. „Wir nehmen jede Drohung gegen die zivile Handelsschifffahrt sehr ernst“, erklärte der Verband auf „Bild“-Anfrage, und stellte klar: Zivile Schiffe und ihre Besatzungen dürften niemals zum politischen oder militärischen Druckmittel werden.
Dass der Kreml die Festsetzung seiner Tanker mittlerweile öffentlich als Piraterie brandmarkt und mit Gegenmaßnahmen droht, verrät vor allem eins. Der Druck auf Russlands Ölgeschäft zeigt Wirkung, weshalb der Streit um die Schattenflotte in den kommenden Wochen kaum leiser werden dürfte.
