Vom Straßenverkäufer zum Autokraten: So begann Recep Tayyip Erdoğans Aufstieg

Recep Tayyip Erdoğan regiert die Türkei seit über zwei Jahrzehnten, erst als Ministerpräsident, dann als Präsident. Kritiker werfen ihm autoritäre Machtausübung vor, Anhänger feiern ihn als Erneuerer des Landes. Seine Geschichte beginnt jedoch weit weg vom Präsidentenpalast, in den engen Gassen eines armen Istanbuler Stadtteils. Dort verkaufte der junge Erdoğan einst Sesamkringel von einem Handkarren aus.

Geboren wurde er am 26. Februar 1954 in Istanbul. Seine Familie stammte ursprünglich von der türkischen Schwarzmeerküste und lebte in bescheidenen Verhältnissen im Viertel Kasımpaşa. Schon als Kind musste Erdoğan mit anpacken und Geld verdienen. Genau diese Herkunft nutzt er bis heute, um sich als Mann aus dem Volk zu inszenieren.

📌 Das wissen wenige über Erdoğans Weg Erdoğans Familie hat Wurzeln in der Region Adscharien im heutigen Georgien, bevor sie an die türkische Schwarzmeerküste zog. 2014 gewann Erdoğan die erste direkte Präsidentschaftswahl der türkischen Geschichte bereits im ersten Wahlgang mit absoluter Mehrheit. Nach dem gescheiterten Putschversuch im Juli 2016 wurden mehr als 80.000 Staatsbedienstete entlassen, Tausende weitere inhaftiert. Das Verfassungsreferendum von 2017 änderte 69 Artikel der türkischen Verfassung und wurde nur knapp mit 51,41 Prozent angenommen. Symbol der AKP ist bis heute eine Glühbirne, die für Fortschritt und Erneuerung stehen soll.

Wie wuchs Erdoğan in Kasımpaşa auf?

In Kasımpaşa besuchte er die Schule und träumte zunächst von einer Karriere als Fußballer oder Prediger. Stattdessen entschied er sich für ein Wirtschaftsstudium an der Marmara-Universität in Istanbul. Parallel dazu engagierte er sich schon früh politisch in islamisch geprägten Jugendorganisationen. Diese Mischung aus Frömmigkeit und Ehrgeiz begleitet ihn sein gesamtes politisches Leben.

Sein wichtigster politischer Ziehvater war Necmettin Erbakan, Gründer mehrerer islamistischer Parteien in der Türkei. Unter seinem Einfluss stieg Erdoğan innerhalb der Bewegung auf und sammelte erste Erfahrungen als Funktionär. Der „Spiegel“ beschreibt Erdoğan in einem Porträt als Verkörperung der Hoffnung vieler Türken auf einen Aufstieg, politisch wie persönlich. Genau dieses Aufstiegsversprechen wurde später zum Kern seiner politischen Botschaft.

Wie gelang der Sprung ins Rathaus?

1994 wagte Erdoğan den entscheidenden Schritt und trat als Kandidat der islamisch-konservativen Wohlfahrtspartei zur Bürgermeisterwahl in Istanbul an. Er gewann die Wahl und übernahm eines der wichtigsten politischen Ämter des Landes. Als Oberbürgermeister kümmerte er sich um sichtbare Probleme wie Müll, marode Infrastruktur und Versorgungsengpässe. Viele Istanbuler honorierten das mit wachsender Zustimmung.

Zwischen 1994 und 1998 blieb Erdoğan im Amt und baute sich einen Ruf als Macher auf. Genau in dieser Zeit legte er den Grundstein für seinen späteren Aufstieg auf die nationale Bühne. Die „Saarbrücker Zeitung“ fasst diese frühen Karrierestationen in einem Überblick zusammen Das ist Recep Tayyip Erdogan. Ohne diese Jahre im Rathaus wäre sein späterer Weg an die Staatsspitze kaum denkbar gewesen.

Warum kam Erdoğan ins Gefängnis?

Ende 1997 trug Erdoğan bei einer Kundgebung ein Gedicht des Dichters Ziya Gökalp vor. Darin heißt es unter anderem: „Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“ Türkische Gerichte werteten die Zeilen als Aufruf zu religiösem Hass. Für Erdoğan hatte der Auftritt gravierende Folgen.

1998 verurteilte ihn das Staatssicherheitsgericht in Diyarbakır, wie das Portal „VOL.AT“ berichtet. Erdoğan musste daraufhin für mehrere Monate ins Gefängnis und trat als Bürgermeister zurück. Die Haftstrafe drohte seine politische Karriere endgültig zu beenden. Stattdessen wurde sie zum Ausgangspunkt für einen noch größeren Plan.

Wie entstand die Partei AKP?

Nach seiner Entlassung 1999 sammelte Erdoğan Weggefährten um sich und gründete 2001 gemeinsam mit ihnen eine neue Partei, die AKP. Sie positionierte sich als konservativ und religiös geprägt, aber offiziell nicht islamistisch. Schon ein Jahr später gewann die junge Partei die Parlamentswahlen deutlich. Erdoğan selbst durfte wegen seiner Vorstrafe zunächst jedoch nicht ins Parlament einziehen.

Erst nach einer Verfassungsänderung und einer Nachwahl 2003 zog er ins Parlament ein und wurde kurz darauf Ministerpräsident. Wie die „Tagesschau“ rückblickend beschreibt, führte er das Land in den Folgejahren wirtschaftlich nach vorn und näherte es der Europäischen Union an. Aus dem einstigen Straßenverkäufer war damit der Regierungschef eines ganzen Landes geworden. Der Grundstein für seine spätere Machtfülle als Präsident war gelegt.