Es ist die 59. Minute in München: Philipp Treu legt den Ball perfekt vors Tor, Nick Woltemade steht wenige Meter vor dem praktisch leeren Kasten – und jagt ihn über die Latte. Selbst der Stürmer kann kaum glauben, was er da gerade vergeben hat.
Deutschland gewinnt gegen Serbien trotzdem hochverdient mit 2:0. Doch Woltemades unglaublicher Fehlschuss legt eine Baustelle offen, die den DFB seit mehr als einem Jahrzehnt begleitet. Wo ist der Mittelstürmer, der solche Bälle zuverlässig versenkt? Eine von Jürgen Klopps größten Aufgaben wird es sein, ihn endlich zu finden.
📌 Deutschlands Suche nach der Nummer neun Miroslav Klose: Deutschlands Rekordtorschütze beendete seine DFB-Karriere 2014 mit 71 Toren in 137 Länderspielen. Timo Werner: Kam auf 24 Treffer in 57 Länderspielen, wurde aber nie über Jahre die unumstrittene Nummer neun. Niclas Füllkrug: Traf starke 14-mal in 24 Länderspielen, kam aber erst mit 29 Jahren zu seinem DFB-Debüt. Nick Woltemade: Der 24-Jährige steht nach dem Serbien-Spiel bei vier Treffern in 13 A-Länderspielen.
Seit Klose fehlt dieser eine Mann
Natürlich hatte Deutschland seit Miroslav Klose gute Stürmer. Mario Gomez traf 31-mal, Timo Werner kam auf 24 Tore. Niclas Füllkrugs Quote ist hervorragend, Kai Havertz hat ebenfalls regelmäßig geliefert.
Was seit Kloses Rücktritt nach dem WM-Titel 2014 fehlt, ist die Konstante. Ein klassischer Mittelstürmer, der über Jahre gesetzt ist und bei großen Turnieren zuverlässig die entscheidenden Tore macht. Bei Klose stellte sich diese Frage irgendwann schlicht nicht mehr.
Seitdem wird ausprobiert. Werner sollte die Lücke schließen, Havertz spielte immer wieder ganz vorne, obwohl seine eigentlichen Qualitäten woanders liegen. Füllkrug brachte endlich wieder Strafraum-Wucht, schaffte seinen Durchbruch aber spät und wurde immer wieder von Verletzungen gebremst. Experimente mit einer „falschen Neun“ wurden schnell wieder in die Schublade gepackt.
Woltemades Abschluss bleibt das Problem
Eigentlich bringt Woltemade vieles mit, um diese Suche zu beenden. 1,98 Meter groß, technisch stark, beweglich und längst nicht bloß ein Zielspieler für hohe Bälle. Vier Treffer in 13 Länderspielen zeigen zudem: Der 24-Jährige weiß grundsätzlich, wo das Tor steht.
Noch fehlt aber die Konsequenz im Abschluss. Gegen Serbien kam Woltemade mehrfach in aussichtsreiche Situationen, strahlte daraus zu wenig Gefahr aus – ehe die Riesenchance in der 59. Minute alles überstrahlte. Aus rund drei Metern musste dieser Ball eigentlich drin sein.
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Es ist nicht die erste Szene, die hängen bleibt. Beim bitteren WM-Aus gegen Paraguay scheiterte Woltemade im Elfmeterschießen an Torwart Orlando Gill. Auch auf Vereinsebene sucht er derzeit noch seinen Rhythmus: Seit seinem Wechsel zu Juventus kam er in der Serie A bislang nur als Joker zum Einsatz und wartet dort noch auf sein erstes Tor.
Das macht ihn nicht zum Fehleinkauf oder DFB-Problemfall. Aber für die Rolle, die Deutschland seit Klose vermisst und für die Rückkehr in die Weltspitze braucht, reicht „immer mal wieder treffen“ eben nicht. Der Anspruch an eine dauerhafte Nummer neun ist höher.
Klopp muss seinen Goalgetter finden
Genau deshalb dürfte die Stürmersuche zu einem zentralen Teil von Klopps XXL-Casting werden. Woltemade besitzt beste Voraussetzungen. Mit Jonathan Burkardt, Kai Havertz, Niclas Füllkrug oder Younes Ebnoutalib gibt es weitere Kandidaten. Im Nachwuchs drängen Spieler wie Nicolo Tresoldi und Dzenan Pejcinovic.
Die Auswahl ist also größer, als sie lange war. Was noch fehlt, ist der eine Spieler, der die Diskussion irgendwann beendet. Denn gegen Serbien konnte Deutschland verschwenderisch mit seinen Chancen umgehen. Allein zur Pause standen 16:0 Torschüsse zu Buche. Bischof und Wirtz erledigten den Job schließlich. Gegen Frankreich, Spanien oder England bekommt eine Mannschaft womöglich nur zwei solcher Möglichkeiten.
Klopps Fußball war am Donnerstag erstmals deutlich zu erkennen. Aggressiv, mutig, dominant. Jetzt braucht er vorne noch jemanden, der aus dieser Überlegenheit regelmäßig Tore macht.
Der Fehlschuss von Woltemade in der 59. Minute war deshalb mehr als nur eine kuriose Szene. Er erinnerte daran, dass Deutschlands Suche nach dem nächsten echten Goalgetter noch lange nicht beendet ist. Lies auch: Bann gebrochen! Klopp beendet bei erstem Sieg lange DFB-Durststrecke
