Von Schwarz zu Dunkelblau: Wie Sachsen-Anhalt zur AfD-Hochburg wurde

Sachsen-Anhalt gilt heute als eine der stärksten Bastionen der AfD in Deutschland. Kaum ein Bundesland hat seit der Wende einen derart tiefen politischen Wandel erlebt. Aus dem einstigen CDU-Stammland ist über drei Jahrzehnte eine Hochburg der extremen Rechten geworden. Wer die Gründe verstehen will, muss zurück in die wirtschaftlichen Umbrüche nach 1990 schauen.

Direkt nach der Wende entstand Sachsen-Anhalt aus den früheren DDR-Bezirken Magdeburg und Halle. Zwei Regionen ohne gemeinsame Geschichte mussten sich zu einem neuen Bundesland zusammenfinden. Der Start verlief holprig, die Wirtschaft brach binnen weniger Jahre massiv ein. Kaum ein anderes ostdeutsches Land traf die Deindustrialisierung so hart.

📌 Hättest du das über Sachsen-Anhalt gewusst? Nur im Wahlkreis Zeitz gewann die AfD 2021 ein Direktmandat, überall sonst siegte die CDU-Kandidatur. Der gebürtige Hallenser Hans-Dietrich Genscher verhalf der FDP 1990 und 2002 zu Ergebnissen von jeweils über zehn Prozent in Sachsen-Anhalt. Zwischen 1990 und 1994 musste die erste CDU-geführte Landesregierung gleich dreimal den Ministerpräsidenten wechseln.

Wie zerstörte die Wende die Industrie?

Vor 1990 galten Magdeburg und Halle als industrielle Kraftzentren der DDR. Im Süden dominierte die Chemieindustrie rund um Leuna, Schkopau und Bitterfeld. In Magdeburg prägte das Schwermaschinenkombinat SKET die ganze Stadt. Nach der Einheit brachen diese Strukturen fast vollständig zusammen.

Allein beim Kombinat SKET verloren über 40.000 Menschen ihre Arbeit. Magdeburgs Einwohnerzahl sank von knapp 290.000 im Jahr 1989 auf 226.000 im Jahr 2004, wie das Landesportal Sachsen-Anhalt schildert. Ganze Familien zogen weg, weil es keine Perspektive mehr gab. Diese Erfahrung von Verlust und Abwanderung prägt bis heute das Gedächtnis vieler Regionen im Land.

Warum feierte schon 1998 eine rechte Partei Erfolge?

Die politische Instabilität jener Jahre zeigte sich schnell an der Wahlurne. Sachsen-Anhalt erlebte in den Neunzigern gleich mehrere Erdrutschwahlen hintereinander. Parteibindungen blieben schwach, viele Wähler wechselten ihre Präferenz von Wahl zu Wahl. Diesen Resonanzboden nutzten auch Kräfte am rechten Rand.

Bei der Landtagswahl 1998 gelang der rechtsextremen Deutschen Volksunion ein historischer Coup. Aus dem Stand holte sie 12,9 Prozent der Stimmen und zog mit 16 Abgeordneten in den Landtag ein, wie der Politikwissenschaftler Roger Stöcker in der „MZ“ rekonstruiert. Es war das bis dahin höchste Ergebnis einer Partei rechts der CDU in einem deutschen Landesparlament. Die Episode blieb ohne dauerhafte Strukturen, zeigte aber das Protestpotenzial im Land.

Wie entwickelte sich die AfD nach 2013?

Mit der Gründung der AfD 2013 entstand bundesweit eine neue Kraft rechts der Union. In Sachsen-Anhalt traf die junge Partei auf einen besonders fruchtbaren Nährboden. Wirtschaftliche Unsicherheit und das Gefühl, vom Aufschwung abgehängt zu sein, wirkten weiter fort. 2016 erreichte die AfD unter ihrem damaligen Spitzenkandidaten André Poggenburg 24,3 Prozent.

Damit wurde die Partei zweitstärkste Kraft und stärkste Oppositionsfraktion im Landtag. Bundesweit sorgte das Ergebnis für Aufsehen, schließlich lag es nur wenige Monate nach dem sogenannten Sommer der Migration. Sachsen-Anhalt galt fortan als Seismograf für Stimmungen, die sich später auch anderswo in Ostdeutschland zeigten. Die CDU kam damals nur auf 29,8 Prozent.

Konnte die CDU die AfD 2021 stoppen?

Fünf Jahre später drehte sich das Bild zumindest kurzfristig. Vor der Landtagswahl 2021 sagten Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und AfD voraus. Ministerpräsident Reiner Haseloff warb offensiv darum, eine AfD-Dominanz im Land zu verhindern. Am Ende holte seine CDU deutlich mehr Stimmen als erwartet.

Die CDU kam auf 37,1 Prozent, die AfD auf 20,8 Prozent, wie die Wahlanalyse von „Regierungsforschung.de“ zeigt. Rund 16.000 Wähler, die 2016 noch die AfD gewählt hatten, entschieden sich diesmal für die Christdemokraten. Der Anteil der Überzeugungswähler bei der AfD stieg gleichzeitig von 27 auf 44 Prozent. Das deutet eher auf eine gefestigte Wählerbasis hin als auf reine Protestwahl.

Was bedeutet die Einstufung als rechtsextrem?

Parallel zum Wahlerfolg beobachtete der Verfassungsschutz die Partei immer genauer. Bereits 2021 stufte die Behörde den Landesverband als Verdachtsfall ein. Im November 2023 ging sie einen Schritt weiter und erklärte die AfD Sachsen-Anhalt zur gesichert rechtsextremistischen Bestrebung. Damit teilt der Landesverband diese Einstufung mit dem thüringischen Verband um Björn Höcke.

Behördenleiter Jochen Hollmann begründete den Schritt mit einer Radikalisierung seit der Corona-Pandemie. Die Partei strebe demnach die Abschaffung der parlamentarischen Demokratie in ihrer jetzigen Form an. Zudem fanden die Verfassungsschützer zahlreiche menschenverachtende Aussagen von Funktionären. Trotz dieser Einstufung blieb die AfD in Umfragen weiter stark.

Wie stark ist die AfD vor der Wahl 2026?

Zur Landtagswahl im September 2026 zeichnet sich ein neuer Höchstwert ab. Umfragen für Mitteldeutsche Zeitung, Volksstimme und MDR sahen die Partei zuletzt auf einem Rekordwert. Spitzenkandidat Ulrich Siegmund strebt damit offen eine Alleinregierung an.

„Wir wollen Sachsen-Anhalt zum ersten Bundesland mit einer AfD-Regierung machen und damit die politische Wende für ganz Deutschland einläuten“, sagte Siegmund laut einem Bericht der „Mitteldeutschen Zeitung“. Die CDU unter dem amtierenden Ministerpräsidenten Sven Schulze liegt in denselben Umfragen deutlich zurück. Ob sich das Szenario von 2021 wiederholt, als Haseloff die AfD im Endspurt noch überholte, bleibt offen.