Seit wann ist es ein Zeichen mangelnder Regierungsfähigkeit, wenn eine Mutter Angst um ihre Kinder hat? Und seit wann entscheidet ein Nachrichtenmagazin darüber, welche privaten Äußerungen einer Politikerin veröffentlicht werden – und ob sie danach noch für ein Regierungsamt geeignet ist?
Die Debatte um Elif Eralp wirft grundsätzliche Fragen auf: nach journalistischer Verantwortung, politischer Doppelmoral und dem Respekt vor demokratischen Wahlergebnissen. Das sage ich als Berlinerin, aber auch darüber hinaus. Ein Kommentar.
📌 Wer ist Elif Eralp? Geboren am 14. Januar 1981 in München Familie: Verheiratet, zwei Kinder Wohnort: Berlin Ausbildung: Jurastudium in Hamburg, zwei Staatsexamina Politische Laufbahn: Seit November 2021 Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses Seit Mai 2025 stellvertretende Vorsitzende der Berliner Linken 2026 Spitzenkandidatin der Linken für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin
Der eigentliche Skandal
Im Rahmen eines SPIEGEL-Interviews schickte Eralps Büro versehentlich nicht nur die überarbeitete Interviewfassung zurück, sondern auch interne Kommentare und Überlegungen von Eralp und ihrem Team.
Diese Notizen waren weder öffentliche Erklärungen noch politische Statements. Der SPIEGEL entschied sich dennoch, sie zu veröffentlichen. Für mich ist das der erste eigentliche Skandal: ein Medienskandal.
Ja, es war ein Fehler des Büros, die internen Notizen mitzuschicken. Aber bedeutet ein solcher Fehler automatisch, dass vertrauliche Kommunikation zur Veröffentlichung freigegeben ist? Nein.
Eine Frage des Interesses
Der SPIEGEL begründete die Veröffentlichung mit dem öffentlichen Interesse: Wer Regierende Bürgermeisterin einer Millionenstadt werden wolle, müsse sich daran messen lassen, wie sie mit Gefahren für die innere Sicherheit umgehe.
Ob das die Veröffentlichung privater Überlegungen rechtfertigt, ist eine andere Frage. Auch journalistisch ist das umstritten. Der Journalist Felix Zimmermann kritisierte die Veröffentlichung im Deutschlandfunk als Vertrauensbruch. Der Medienanwalt Christian Schertz verwies auf die Abwägung zwischen Persönlichkeitsrecht und Pressefreiheit und unterschied zwischen internen Kommentaren und nicht autorisierten Interviewantworten.
Die Notizen
Es ging um Ibrahim Ibrahim, einen Aktivisten, der der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) zugerechnet wird. Die PFLP ist in der EU als Terrororganisation gelistet. Ibrahim soll den Chefplaner des Hamas-Angriffs vom 7. Oktober 2023 als „Märtyrerhelden“ bezeichnet haben. Außerdem war er nach der Berliner Wahl auf einer Wahlparty der Linken in Neukölln anwesend. Die Linke erklärte anschließend, ihn nicht eingeladen zu haben.
Der SPIEGEL fragte Eralp nach ihm. Nach Darstellung des Magazins hatte sie die Frage zunächst beantwortet, ließ sie in der autorisierten Interviewfassung jedoch streichen.
In den internen Notizen begründete sie das unter anderem damit, dass ihr das Berliner Landeskriminalamt in der Vergangenheit empfohlen habe, keine konkreten Namen zu nennen – damals sei es um Organisierte Kriminalität gegangen. Außerdem schrieb sie: „Ich kann mich und meine Familie für den SPIEGEL nicht in Gefahr bringen.“ Auch die Überlegung, das gesamte Interview abzusagen, fand sich in den Notizen.
Das gehört zur Wahrheit: Die Linke muss sich mit Antisemitismus, Hamas-Sympathisanten und problematischen Personen in ihrem Umfeld auseinandersetzen. Eine mögliche Regierungschefin muss Terrorismus und Antisemitismus klar verurteilen. Aber diese politische Kritik ist etwas anderes als die Veröffentlichung privater interner Kommunikation.
Angst um die eigene Familie – jetzt als0 eine politische Schwäche?
Besonders irritiert mich das daraus entwickelte Narrativ: Wer Angst hat, kann nicht regieren. Ernsthaft? Eralp ist Mutter zweier kleiner Kinder. Sie hat nach eigenen Angaben seit Monaten mit Anfeindungen, Beleidigungen und Bedrohungen zu tun. Dass sie sich Gedanken um die Sicherheit ihrer Familie macht, ist keine politische Schwäche, sondern menschlich.
Wer hat keine Angst vor Menschen, die Gewalt verherrlichen, politische Gegner bedrohen oder ihre Drohungen wahr machen könnten? Muss eine Politikerin öffentlich beweisen, dass sie keine Angst hat, um regierungsfähig zu sein? Wer legt fest, dass Angst und politische Führungsverantwortung einander ausschließen?
Eralp hat sich wiederholt klar gegen Antisemitismus und radikale Positionen in den eigenen Reihen gestellt. Sie scheut also keine politische Auseinandersetzung. Ihre Sorge gilt vielmehr der Sicherheit ihrer Kinder – und der Angst, dass diese wegen unbedachter Äußerungen ihrer Mutter auf dem Schulweg angefeindet oder angegriffen werden könnten.
Auch zur Aussage des LKA ist eine Differenzierung wichtig: Die dokumentierte Empfehlung, keine konkreten Namen zu nennen, bezog sich nach den veröffentlichten Informationen auf einen früheren Zusammenhang mit Organisierter Kriminalität. Sie belegt nicht, dass das LKA Eralp konkret vor einer namentlichen Äußerung zu Ibrahim Ibrahim oder der Hamas gewarnt hätte. Eralp erklärte später öffentlich, dass es nach der Wahl Bedrohungen gegen sie gegeben habe und sie sich mit Sicherheitsbehörden über ihre Situation austausche.
Warum wird die Befolgung von Sicherheitsempfehlungen plötzlich als mangelnde Regierungsfähigkeit ausgelegt? Eralp hat ihre Angst nicht öffentlich zum politischen Thema gemacht. Wer daraus das Narrativ „Wer Angst hat, kann nicht regieren“ macht, konstruiert eine Geschichte, die den tatsächlichen Vorgang verkürzt.
Wir haben gewählt – aber gelten für alle dieselben Maßstäbe?
Ich kann als Berlinerin kaum nachvollziehen, mit welchen Argumenten nach einer Wahl über mögliche Regierungsbildungen diskutiert wird. Natürlich dürfen sich Menschen aus anderen Bundesländern über die politischen Entscheidungen andernorts kritisch äußern. Das gilt für Sachsen-Anhalt genauso wie für Berlin. Aber dann sollten bitte auch dieselben Maßstäbe gelten.
Wir Berlinerinnen und Berliner haben am 20. September 2026 gewählt. Die Linke wurde mit 25,7 Prozent stärkste Kraft. CDU, AfD, Grüne und SPD folgten mit deutlichem Abstand.
Natürlich ist eine Wahl kein Freifahrtschein. Regierungsbildung braucht parlamentarische Mehrheiten. Eine mögliche Koalition muss sich kritischen Fragen stellen, und auch Eralp muss sich politisch messen lassen. Aber eine demokratische Wahl sollte zunächst einmal als solche respektiert werden. Genau das wurde nach der Wahl in Sachsen-Anhalt vielfach eingefordert. Warum klingt die Debatte nach der Berliner Wahl teilweise ganz anders?
Zweierlei Maß? Zwischen Berlin & Sachsen-Anhalt
Besonders deutlich wird für mich die Frage nach politischen Doppelstandards im Vergleich Sachsen-Anhalt. Dort gewann die AfD am 6. September 2026 mit 43,8 Prozent der Stimmen. Ihr Landesverband wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft. Am 6. Oktober wurde Tobias Rausch (AfD) zum Landtagspräsidenten gewählt – erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik. Im Landtag sitzt mit Phillip-Anders Rau zudem ein zweifach verurteilter Straftäter als Abgeordneter für die AfD.
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Während es nach der Wahl in Sachsen-Anhalt hieß, man müsse das Ergebnis respektieren, wurde mit Blick auf Berlin teilweise die Forderung laut, die Linke dürfe auf keinen Fall regieren.
Besonders deutlich wird dieser Unterschied im Verhalten von Bundeskanzler Friedrich Merz. Nach dem Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 erklärte er am Tag danach zwar, das Ergebnis müsse man akzeptieren: „Das sind die Regeln der Demokratie.“ Zugleich zeigte er sich „zutiefst schockiert“ und betonte, man könne angesichts des Ergebnisses nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.
Nach der Berliner Wahl am 20. September schlug Merz einen anderen Ton an. Am 7. Oktober appellierte er an SPD und Grüne, eine Regierende Bürgermeisterin der Linken zu verhindern. Er sagte, die politische Mitte müsse ihrer Verantwortung gerecht werden, und stellte unmissverständlich klar: „Ich kann es mir nicht vorstellen.“
Natürlich wurde die Entwicklung in Sachsen-Anhalt bundesweit kritisiert und als politische Zäsur eingeordnet. Es geht mir auch nicht darum, Kritik an der AfD mit Kritik an der Linken gleichzusetzen. Die politischen Sachverhalte sind unterschiedlich. Aber es muss erlaubt sein, zu fragen, warum bei der einen Wahl so stark auf die demokratische Akzeptanz des Ergebnisses gepocht wird, während bei der anderen schon vor möglichen Koalitionsverhandlungen kategorisch ausgeschlossen werden soll, dass die stärkste Kraft regiert.
Wer sich auf demokratische Spielregeln beruft, muss sie konsequent anwenden. Nicht nur bei Wahlergebnissen, die einem gefallen. Und wer Elif Eralp oder die Linke kritisieren möchte, sollte das mit konkreten politischen Argumenten tun – nicht mit pauschalen Behauptungen oder einer Empörung, die bei anderen Parteien offenbar anders ausfällt.
Letzte Frage: Was hat dieser Text eigentlich gebracht?
Ich erwarte von einer möglichen Regierenden Bürgermeisterin, dass sie Berlin schützt, Extremismus bekämpft, Antisemitismus klar benennt und sich nicht von Gewaltandrohungen politisch diktieren lässt.
Ich erwarte aber genauso von Medien, dass sie zwischen öffentlicher Kommunikation und privaten internen Überlegungen unterscheiden. Und ich erwarte von politischen Mitbewerbern, dass sie inhaltlich argumentieren, statt persönliche Ängste zu instrumentalisieren.
Deshalb bleibt für mich die anschließende Frage: Was hat die Veröffentlichung dieser privaten Notizen eigentlich gebracht? Hat sie neue Erkenntnisse über Eralps politische Positionen geliefert? Hat sie zur Aufklärung über Antisemitismus oder zur Sicherheit in Berlin beigetragen? Wurde dadurch irgendjemand geschützt oder ein konkretes Problem gelöst? Oder wurde vor allem die Sorge einer Mutter öffentlich verwertet, um ihre persönliche Eignung für ein Regierungsamt infrage zu stellen?
Eine Mutter, die Angst um ihre zwei kleinen Kinder hat, ist nicht automatisch eine schwache Politikerin. Wer Sicherheitsempfehlungen ernst nimmt, ist nicht automatisch erpressbar. Und wer Angst vor Terroristen hat, ist nicht automatisch ungeeignet, Verantwortung zu übernehmen.
Ich möchte abschließend vor allem eines: Lasst uns Berlinerinnen und Berliner selbst darüber entscheiden, wer unsere Stadt regiert. Wir haben gewählt. Die demokratischen Mehrheiten müssen im Berliner Parlament ausgehandelt werden.
Der Skandal ist nicht, dass Elif Eralp Angst um ihre Familie hat. Der Skandal ist, wie diese Angst öffentlich gegen sie verwendet wird.
