Lidl geht auf die Barrikaden: Discounter warnt vor Chaos durch neues EU-Gesetz

Kaum ist die neue EU-Verpackungsverordnung (PPWR) seit dem 12. August in Deutschland in Kraft, hagelt es Kritik vom Handel. Discounter Lidl warnt gegenüber dem Fachmedium EUWID vor unklaren Auslegungen, drohenden Rechtsstreitigkeiten und fehlender Planungssicherheit.

Auch der Handelsverband Deutschland (HDE) und der europäische Verband EuroCommerce mahnen an, dass die Umsetzung deutlich holpriger verläuft als erwartet.

📌 PPWR: DAS ändert sich Verbot bestimmter Einwegverpackungen ab 2030: Dann dürfen zum Beispiel unverarbeitetes Obst und Gemüse unter 1,5 Kilogramm nicht mehr in Einweg-Kunststoff verpackt werden. Auch Mini-Kosmetikverpackungen in Hotels, wie kleine Shampoo- oder Duschgelfläschchen, sind dann tabu. EU-weites Pfandsystem geplant: Bis 2029 sollen die Mitgliedstaaten eine Sammelquote von 90 Prozent für Einweg-Getränkeflaschen aus Kunststoff und Getränkedosen aus Metall erreichen. Länder, die diese Quote bereits über funktionierende Pfandsysteme erfüllen (wie Deutschland), können unter bestimmten Bedingungen von der Pflicht zur Einführung eines neuen Systems befreit werden. Einheitliche Mülltrennungs-Symbole ab 2028: Auf Verpackungen sollen künftig EU-weit standardisierte Piktogramme zeigen, in welche Tonne der Verpackungsmüll gehört. Das soll die oft uneinheitliche Kennzeichnung in den verschiedenen Mitgliedstaaten vereinheitlichen und Verbrauchern die richtige Mülltrennung erleichtern.

Was die Verpackungsverordnung regelt

Die PPWR löst die alte EU-Verpackungsrichtlinie ab und gilt ab sofort direkt in allen EU-Ländern. Verpackungen müssen künftig recycelbar sein, ab 2030 wird ein Mindestanteil an recyceltem Material Pflicht. Für Verpackungen mit Lebensmittelkontakt gelten außerdem strenge Grenzwerte für sogenannte Ewigkeitschemikalien (PFAS). Und auch der Mogelpackung geht es an den Kragen: Ab 2030 darf eine Verpackung nur noch begrenzt „Luft“ enthalten. Dazu kommen höhere Recyclingquoten und Mehrwegpflichten, etwa für Getränke und in der Gastronomie.

Kurz gesagt: ein riesiges Paket an neuen Regeln, das praktisch jede Firma betrifft, die irgendetwas verpackt. Die Bundesregierung feiert das Gesetz als wichtigen Schritt hin zu mehr Kreislaufwirtschaft. Doch schon der holprige Start zeigt: Zwischen Theorie und Alltag im Supermarkt liegen Welten.

Lidl kritisiert: „Komplexer als erwartet“

Gegenüber dem Fachmedium „EUWID“ wird Lidl deutlich: Die Umsetzung der PPWR sei „komplexer als von Behörden erwartet und Unternehmen gefordert“. Im Markt seien inzwischen die unterschiedlichsten Rechtsauffassungen unterwegs. Kein Wunder, schließlich hat auch die EU-Kommission Anfang August noch einmal an ihren FAQS zur Verordnung geschraubt. Wer sich also frühzeitig um eine rechtssichere Umsetzung bemüht hat, steht plötzlich wieder mit neuen Vorgaben da.

Und die Konsequenzen sind laut Lidl groß: „unklare PPWR-Auslegungen, drohende Rechtsstreitigkeiten, Unsicherheit auf Handels- und Lieferantenseite sowie fehlende Planungs- und Investitionssicherheit.“ Für einen Konzern, der tausende Produkte über zahllose Lieferanten hinweg einheitlich verpacken muss, ist das kein Kleinkram, sondern ein echtes Risiko fürs Geschäft. Wer bei der Umsetzung danebenliegt, riskiert Bußgelder. Gleichzeitig müssen aber schon jetzt teure Investitionen in neue Verpackungen laufen, deren rechtliche Grundlage sich womöglich noch ändert.

Lidls Forderung deshalb: mehr Zeit. Konkret unterstützt der Discounter den Vorschlag von EuroCommerce, eine zwölfmonatige Schonfrist einzuräumen, eine sogenannte „Grace Period“, damit die offenen Fragen erst mal geklärt werden können, bevor Verstöße hart bestraft werden. Der europäische Verband hatte schon im Juni vor genau solchen Problemen bei der Umsetzung gewarnt.

Handelsverband bittet um „Augenmaß“

Auch der Handelsverband Deutschland stimmt in den Chor mit ein und fordert von den Behörden „Augenmaß“ beim Durchgreifen. Dem Handel geht es dabei ausdrücklich nicht darum, das Gesetz an sich schlechtzureden, sondern um praktikable Übergangslösungen, solange so viele Fragen offen sind. Dass sich gleich mehrere Verbände auf europäischer und nationaler Ebene beschweren, zeigt: Das ist kein Einzelproblem von Lidl, sondern ein grundsätzliches Durcheinander bei der Einführung eines ziemlich komplizierten Gesetzes.

Kritik am Gesetz hagelt es nicht nur vom Handel: Auch Umweltverbände wie der BUND sind alles andere als zufrieden. Allerdings aus dem genau entgegengesetzten Grund. Ihnen geht die PPWR nicht weit genug, weil sie zu sehr aufs Recycling setzt statt auf echte Müllvermeidung, und weil klare Mehrwegquoten fehlen.