Russlands Machtapparat wirkt nach außen geschlossen. Doch hinter den Kulissen wächst der Konkurrenzkampf zwischen den Geheimdiensten und einflussreichen Machtclans. Der Investigativjournalist Roman Anin warnt in einem Interview mit dem stern: Je stärker Wladimir Putins Position unter Druck gerät, desto gefährlicher könnte der Kampf um Einfluss und Kontrolle werden. Das System, das den Kremlchef schützen soll, könnte ihn zunehmend selbst gefangen halten.
Im Zentrum steht der russische Inlandsgeheimdienst FSB, der Nachfolger des sowjetischen KGB. Nach Anins Einschätzung reicht sein Einfluss weit über klassische Geheimdienstarbeit hinaus. Die Sicherheitsapparate überwachen demnach politische Gegner und beobachten auch Unternehmen sowie Hochschulen. Gleichzeitig konkurrieren verschiedene Behörden um Befugnisse und die Nähe zum Präsidenten.
📌 Wer ist Roman Anin? Pulitzer-Preis: Anin gehörte zum internationalen Rechercheteam der Panama Papers, das 2017 mit dem Pulitzer-Preis für erklärenden Journalismus ausgezeichnet wurde. Gründer von iStories: 2020 gründete er das unabhängige Investigativmedium iStories, das über Machtstrukturen und Korruption in Russland berichtet. Russland verlassen: Die russischen Behörden stuften Anin als „ausländischen Agenten“ ein. Sein Medium wurde zur unerwünschten Organisation erklärt. Verurteilung in Abwesenheit: 2025 wurde Anin in Russland wegen angeblicher Falschinformationen über die russische Armee zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Er bestreitet die gegen ihn erhobenen Vorwürfe.
Geheimdienste kämpfen um die Macht
Die russischen Sicherheitskräfte, häufig als Silowiki bezeichnet, bilden einen zentralen Machtpfeiler des Kremls. Anin beschreibt ein System, in dem mehrere Gruppen um Einfluss ringen und eigene Interessen verfolgen. Putin entscheidet bislang über die Konflikte und verhindert, dass ein einzelner Apparat zu mächtig wird. Doch diese Rolle als oberster Schiedsrichter wird nach Anins Einschätzung zunehmend schwieriger.
Ein historisches Beispiel für solche Rivalitäten liefert der Machtkampf zwischen Sicherheitsbehörden unter Putin. Schon 2007 warnte der damalige Drogenbekämpfungschef Wiktor Tscherkessow öffentlich vor einem internen Krieg innerhalb der Geheimdienstgemeinschaft, wie Radio Free Europe/Radio Liberty berichtete. Die damaligen Auseinandersetzungen zeigen, dass Konkurrenz zwischen den Sicherheitsdiensten kein neues Phänomen ist. Anin sieht heute allerdings ein System, in dem die Kontrolle durch den Kremlchef immer fragiler werden könnte.
Putin gerät zwischen die Fronten
Besonders brisant ist die Rivalität zwischen dem FSB und dem Föderalen Schutzdienst FSO. Letzterer ist vor allem für den Schutz der Staatsführung zuständig. Putin hat nach Anins Darstellung frühere Leibwächter gezielt auf wichtige staatliche Positionen gebracht. Das habe innerhalb des Sicherheitsapparats für Unmut gesorgt und neue Konkurrenzlinien geschaffen.
Die Folgen des Ukrainekriegs verschärfen diese Spannungen möglicherweise zusätzlich. Rückschläge an der Front setzen die Führung unter Druck und können interne Schuldzuweisungen begünstigen. Auch die wirtschaftlichen Probleme Russlands erhöhen die Belastung des Systems. Der Journalist Roman Anin beschreibt in einer Analyse bei CORRECTIV die Machtclans und ihre Instrumente als entscheidend, um die Entwicklung innerhalb der russischen Führung zu verstehen.
Was passiert, wenn Putin schwächer wird
Anins drastischer Vergleich mit den „Hungerspielen“ beschreibt eine Elite, in der jeder den Verlust seiner Position fürchten muss. Wer Macht verliert, könnte nach dieser Einschätzung auch Vermögen, Freiheit oder persönliche Sicherheit aufs Spiel setzen. Deshalb haben die Beteiligten starke Anreize, ihre Stellung zu verteidigen und Rivalen zuvorzukommen. Die Angst vor möglichen Konsequenzen hält das System zusammen, kann es aber zugleich destabilisieren.
Auch der Präsident selbst ist laut Anin von dieser Dynamik abhängig. Seine Herrschaft beruht wesentlich auf den Sicherheitskräften, die seine Gegner unter Druck setzen. Sollte sich einer dieser Apparate gegen ihn wenden oder seine Loyalität infrage stellen, könnte das für den Kremlchef gefährlich werden. Der Journalist warnt deshalb vor einer weiteren Eskalation der Repressionen, falls Putin die Kontrolle über die konkurrierenden Machtgruppen sichern will.
Welche Folgen drohen Russland und Europa?
Anin erwartet, dass die Geheimdienste künftig noch stärker an Einfluss gewinnen könnten. Gleichzeitig sieht er wenig Spielraum für eine politische Normalisierung, solange die Führung ihre Macht vor allem durch Kontrolle und Einschüchterung sichert. Funktionäre aus Verwaltung und Wirtschaft könnten zwar den Staatsapparat am Laufen halten, hätten nach seiner Einschätzung aber kaum Chancen, die Machtverhältnisse grundlegend zu verändern.
Auch für Europa könnte diese Entwicklung Folgen haben. Anin hält eine zunehmende Konfrontation mit dem Westen für möglich. Dabei spiele neben außenpolitischen Zielen auch die innenpolitische Absicherung des Kremls eine Rolle. Eine verschärfte Bedrohungslage könnte als Begründung dienen, Sicherheitsbehörden zusätzliche Befugnisse einzuräumen und Kritik noch härter zu verfolgen. Wie weit diese Entwicklung tatsächlich geht, bleibt offen. Der Machtkampf innerhalb der russischen Elite ist jedoch ein wichtiger Faktor, um die Risiken für Russland und seine Nachbarn einzuschätzen.
