Die Warnung kommt von Thomas Biebricher, Professor für Politikwissenschaft an der Frankfurter Goethe-Universität. Im Gespräch mit der ZEIT beschreibt er den Niedergang der Union als „realistisches Szenario“. Große Parteien könnten in Europa erheblich schrumpfen und ihre frühere Bedeutung verlieren. Für die CDU stehe deshalb viel auf dem Spiel.
Besonders kritisch bewertet Biebricher die Wahlergebnisse bei jungen Menschen. Bei den jüngsten Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern habe die CDU unter den unter 30-Jährigen nur einstellige Werte erreicht. Das werfe Fragen zur Zukunft der Partei auf. Wenn junge Generationen dauerhaft andere politische Angebote bevorzugen, könnte der Union langfristig die Wählerbasis wegbrechen.
📌 Fakten zur CDU-Krise in Europa Ende einer italienischen Volkspartei: Die Democrazia Cristiana löste sich nach jahrzehntelanger politischer Bedeutung im Jahr 1994 auf. Tiefpunkt in den Niederlanden: Die christdemokratische CDA erreichte bei der Parlamentswahl 2023 lediglich drei Prozent der Stimmen. Erholung der CDA: Bei der niederländischen Parlamentswahl 2025 kam die Partei wieder auf zwölf Prozent. 3 Säulen – das christdemokratische Fundament: Die politische Tradition verbindet konservative, liberale und soziale Werte.
AfD setzt Merz’Union unter Druck
Wie ernst die Lage ist, zeigen die jüngsten Wahlergebnisse in Ostdeutschland. In Sachsen-Anhalt kam die CDU bei der Landtagswahl am 6. September 2026 laut Bundeswahlleiterin auf 17,2 Prozent der Zweitstimmen. Die AfD erreichte dagegen 43,8 Prozent. Damit liegt die rechtspopulistische Partei deutlich vor der Union.
Auch in Mecklenburg-Vorpommern geriet die CDU bei der Wahl am 20. September unter Druck. Dort erreichte sie lediglich 4,9 Prozent der Zweitstimmen, während die AfD auf 38,2 Prozent kam. Solche Ergebnisse verdeutlichen die Schwierigkeiten der Union, Wähler am rechten Rand zurückzugewinnen. Zugleich wächst die Frage, wie die CDU ihre politische Rolle künftig behaupten will.
Rechtskurs oder politische Mitte?
Innerhalb der Union ist die strategische Antwort umstritten. Einige Kräfte wollen das konservative Profil der Partei stärker betonen. Andere sehen darin ein Risiko, weil die CDU damit gemäßigte Wähler verlieren könnte. Biebricher warnt vor einem solchen Kurswechsel, der die Partei auf eine kleinere Stammwählerschaft reduzieren könnte.
Ein Blick nach Frankreich zeigt, wie schwierig dieser Balanceakt ist. Der frühere Präsident Nicolas Sarkozy setzte im Wahlkampf zunehmend auf rechte Positionen. Nach Einschätzung Biebrichers konnte er damit jedoch nicht verhindern, dass Wähler zur radikalen Rechten wechselten. Gleichzeitig entstand in der politischen Mitte Raum für neue Kräfte. Für die CDU ergibt sich daraus eine zentrale Frage: Wie kann sie konservative Wähler erreichen, ohne andere Teile ihrer Wählerschaft zu verprellen?
Warum die CDU mehr als konservativ sein muss
Die Union verdankt ihren historischen Erfolg auch ihrer breiten Ausrichtung. Nach Biebrichers Analyse verbindet die Christdemokratie konservative, liberale und soziale Elemente. Diese Mischung ermöglichte es der CDU über Jahrzehnte, unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen anzusprechen. Eine Verengung auf rein konservative Positionen könnte dieses Fundament schwächen.
Hinzu kommt ein gesellschaftlicher Wandel, der die Partei langfristig herausfordert. Kirchliche Milieus verlieren an Bedeutung, traditionelle Bindungen werden schwächer. Auch das bürgerlich-konservative Umfeld, das früher wichtige Impulse lieferte, ist laut Biebricher kleiner geworden. Die CDU muss deshalb neue Wege finden, um Menschen dauerhaft an sich zu binden.
Merz braucht eine überzeugende Zukunftserzählung
Für Friedrich Merz geht es damit um mehr als einzelne Wahlniederlagen. Die Union muss erklären, warum ihre Reformpolitik notwendig ist und welchen Nutzen sie langfristig bringt. Gerade bei Veränderungen im Renten- oder Gesundheitssystem reicht es laut Biebricher nicht aus, allein auf wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit zu verweisen. Viele Menschen sorgen sich um mögliche persönliche Verluste.
Die Partei braucht deshalb eine verständliche politische Erzählung, die ihre Ziele mit den Erwartungen der Bevölkerung verbindet. Biebricher sieht darin eine Chance, auch verunsicherte Wähler anzusprechen. Bleibt eine solche Erklärung aus, könnten sich weitere Teile der Gesellschaft von der Union abwenden.
Ist der Niedergang noch aufzuhalten?
Ein vollständiges Verschwinden der CDU ist nicht zwangsläufig. Biebricher verweist auf europäische Beispiele, in denen ehemals bedeutende christdemokratische Parteien stark geschrumpft sind oder ihre frühere Rolle verloren haben. Eine kleinere Partei kann zwar weiterhin politischen Einfluss ausüben. Ihre Möglichkeiten, breite Mehrheiten zu organisieren, wären jedoch deutlich eingeschränkt.
Für die Union bleibt deshalb ein Kurs in der politischen Mitte nach Einschätzung des Politikwissenschaftlers die aussichtsreichere Option. Eine Annäherung an die AfD könnte innerparteiliche Konflikte verschärfen und gemäßigte Wähler abschrecken. Der Weg zurück zu alter Stärke dürfte anspruchsvoll werden. Ob die CDU ihre Rolle als Volkspartei bewahrt, hängt maßgeblich davon ab, wie überzeugend sie ihre politische Identität erneuert.
