Einmalhandschuhe, Desinfektionsmittel, Bettschutzeinlagen: Die geplante Pflegereform könnte die Versorgung mit solchen Hilfsmitteln für Familien erschweren. Im Interview kritisiert Simone Fischer, pflegepolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, die Pläne der Bundesregierung – und fordert mehr Unterstützung für pflegende Angehörige.
📌 Zur Person Simone Fischer (Jahrgang 1979) vertritt seit März 2025 als direkt gewählte Grünen-Abgeordnete den Wahlkreis Stuttgart I im Bundestag und ist pflegepolitische Sprecherin ihrer Fraktion. Zuvor arbeitete sie mehr als 18 Jahre in der Sozial-, Gesundheits- und Teilhabepolitik, unter anderem als Behindertenbeauftragte der baden-württembergischen Landesregierung. Die gebürtige Buchenerin lebt in Stuttgart und kennt als Frau mit Behinderung gesellschaftliche Barrieren aus eigener Erfahrung.
Frau Fischer, Caren Miosga sagt: „Pflege ist keine Privatsache, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“ Wie erleben Sie die Situation pflegender Angehöriger?
Die meisten pflegebedürftigen Menschen werden zu Hause versorgt, maßgeblich von Töchtern, Söhnen, Partnerinnen und Partnern und Eltern. Viele reduzieren ihre Arbeitszeit, verzichten auf Einkommen und später auf Rente. Pflege ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Ihre Last darf nicht allein am Küchentisch der Familien landen. Wie weit die Folgen reichen, zeigt die aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung und der Prognos AG: Für 2026 beziffert sie die pflegebedingten Einschränkungen der Erwerbstätigkeit auf rechnerisch rund 184.000 Vollzeitstellen. Besonders betroffen sind Frauen. Eine Regierung, die mehr Erwerbsarbeit fordert, darf Unterstützung nicht schwächen, die Erwerbsarbeit überhaupt erst ermöglicht.
Was muss passieren, damit Pflege nicht zur Armutsfalle wird?
Es war überfällig, dass die geplante pauschale Kürzung der Rentenbeiträge pflegender Angehöriger zurückgenommen wurde. Wir Grüne wollen diese Beiträge verlässlich aus Bundesmitteln finanzieren. Die Alterssicherung pflegender Angehöriger ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Außerdem brauchen pflegende Angehörige eine Pflegezeit mit Lohnersatz. Wer Verantwortung übernimmt, darf seine finanzielle Unabhängigkeit nicht verlieren.
Sie kritisieren, dass die Bundesregierung an anderer Stelle Unterstützung streichen will. Was meinen Sie konkret?
Der Entlastungsbetrag bei Pflegegrad 1 soll entfallen, ebenso der eigenständige Anspruch auf Verhinderungspflege. Deren Nutzung haben wir in der Ampel erleichtert und flexibler gestaltet. Für pflegende Angehörige sind solche Entlastungsmöglichkeiten keine Nebensache. Sie tragen dazu bei, dass Pflegeverantwortung über Jahre überhaupt tragbar bleibt und Angehörige Zeit für Beruf, Familie und die eigenen Bedürfnisse haben. Deshalb werden wir uns im parlamentarischen Verfahren dafür einsetzen, die Verhinderungspflege als eigenständigen Anspruch zu erhalten.
Wie sieht Ihr Gegenmodell aus?
Wir Grüne haben mit unserem Antrag „Nachhaltige Pflegereform – Die soziale Pflegeversicherung zukunftsfest machen“ einen Gegenentwurf in den Deutschen Bundestag eingebracht. Unser Vorschlag ist ein flexibel nutzbares Angehörigen-Entlastungsbudget, das Tages-, Nacht-, Kurzzeit- und Verhinderungspflege sowie aufsuchende Beratung bündelt. Familien brauchen die Gewissheit, dass Hilfe da ist – auch in einer Pflegekrise, nachts und am Wochenende. Dafür wollen wir Krisenplätze und mobile Teams, die rund um die Uhr erreichbar sind. Akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen sollen die Versorgung begleiten, Hilfen koordinieren und Familien die Suche durch das Zuständigkeitswirrwarr abnehmen. Mehr bedarfsgerechte Tagespflegeplätze müssen ermöglichen, Pflege und Beruf miteinander zu vereinbaren. Häusliche Pflege wird nicht dadurch stabil, dass Angehörige immer mehr aushalten. Sie wird stabil, wenn Unterstützung greift, bevor aus Belastung Überlastung wird.
Die Bundesregierung will den eigenständigen Anspruch auf zum Verbrauch bestimmte Pflegehilfsmittel streichen und die Finanzierung in ein allgemeines Entlastungsbudget verschieben. Wie bewerten Sie das?
Einfachere Verfahren und mehr Flexibilität sind sinnvoll. Dafür den eigenständigen Anspruch auf notwendige Verbrauchspflegehilfsmittel zu streichen, sehen wir Grüne jedoch kritisch. Ein höherer Monatsbetrag bedeutet nicht automatisch mehr Unterstützung, wenn daraus zugleich mehr bezahlt werden muss. Was für die Pflegeversicherung ausgabenneutral ist, muss für die einzelne Familie noch lange nicht aufgehen. Notwendige Hygieneprodukte dürfen nicht mit dringend benötigter Entlastung um dasselbe Geld konkurrieren. Wir werden dies auch im parlamentarischen Verfahren zum Pflegeneuordnungsgesetz zum Ausdruck bringen. Weniger Bürokratie muss den Zugang erleichtern, statt Leistungen gegeneinander auszuspielen.
Wie lässt sich sicherstellen, dass Menschen mit Pflegegrad 1 weiterhin notwendige Schutzprodukte erhalten?
Die Bundesregierung muss darlegen, wie notwendige Schutzprodukte künftig verlässlich finanziert werden sollen. Für uns ist klar: Notwendige Hygiene darf nicht am Geldbeutel scheitern. Ein geringer Pflegegrad bedeutet nicht, dass notwendige Hygieneprodukte entbehrlich sind. Wer früh Unterstützung braucht, darf nicht erst schlechter versorgt werden müssen, bevor Hilfe greift.Zusätzliche Beratung kann den richtigen Umgang damit unterstützen. Sie ersetzt aber weder Einmalhandschuhe noch Desinfektionsmittel.
Ist wissenschaftlich untersucht, welche Folgen die geplanten Änderungen haben könnten?
Eine belastbare Folgenabschätzung zu zusätzlichen Infektionen, Krankenhausaufenthalten und Folgekosten dieser konkreten Änderung liegt uns nicht vor. Dazu muss die Bundesregierung Auskunft geben. Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeine und Krankenhaus-Hygiene hat bereits zum Referentenentwurf vor Risiken für die Basishygiene durch die neue Budgetkonkurrenz gewarnt. Diese fachlichen Einwände muss die Bundesregierung beantworten.
Fordern Sie, dass die Bundesregierung ihre Berechnungen und Entscheidungsgrundlagen veröffentlicht?
Wir erwarten, dass sie die Folgen ihrer Entscheidungen nachvollziehbar prüft und die Grundlagen veröffentlicht. Wer Einsparungen verspricht, muss auch mögliche Folgekosten auf den Tisch legen. Was die Pflegeversicherung spart, kann an anderer Stelle teuer werden. Gesundheitliche Risiken und zusätzliche Belastungen der Familien dürfen in dieser Rechnung nicht fehlen.
Wie verhindern Sie, dass Angehörige künftig noch mehr Zeit für die Beschaffung notwendiger Produkte aufbringen müssen?
Die Reform darf Angehörigen keine zusätzlichen Beschaffungsaufgaben aufbürden. Angehörige haben bereits genug zu organisieren: Medikamente, Arzttermine und die tägliche Pflege. Sie brauchen einfache Wege zu notwendigen Produkten, verständliche Beratung und verlässliche Lieferung. Dafür setzen wir uns ein. Die Bundesregierung muss Angehörigen Arbeit abnehmen. Aufgaben lediglich von der Pflegekasse an den Küchentisch zu verschieben, ist kein Bürokratieabbau. Entscheidend ist, ob Unterstützung einfacher und verlässlich bei den Menschen ankommt.
Könnten durch die Änderungen auch Arbeitsplätze und bestehende Versorgungsstrukturen gefährdet werden?
Eine belastbare Zahl zu möglichen Arbeitsplatzverlusten liegt uns nicht vor. Die Bundesregierung muss prüfen und offenlegen, welche Auswirkungen ihre Pläne auf Beschäftigte und Versorgungsstrukturen haben. Wir Grüne wollen eine verlässliche Versorgung mit notwendigen Pflegehilfsmitteln. Dafür brauchen wir qualifizierte Beschäftigte und funktionierende Beratungs- und Lieferstrukturen. Die Bundesregierung muss die Auswirkungen ihrer Entscheidungen auf diese Versorgung prüfen und offenlegen. Wer bestehende Versorgungswege verändert, trägt Verantwortung dafür, dass Menschen weiterhin zuverlässig versorgt werden.
Hinweis: Wie viel Verantwortung Familien in der Pflege übernehmen, beschreibt HÖRZU. Unter dem Titel „Der große Pflege-Report“ widmet das Magazin dem Thema vier Seiten. Im Mittelpunkt steht auch Caren Miosga, die für ihre ARD-Dokumentation „Und wer fragt nach mir?“ drei Familien begleitet hat. Rund zehn Millionen Menschen kümmern sich dem HÖRZU-Report zufolge in Deutschland um Angehörige, Freunde oder Nachbarn. Viele reduzieren ihre Arbeitszeit oder geben ihren Beruf auf. Zur körperlichen und emotionalen Belastung kommen Anträge, Zuständigkeitsfragen und die Suche nach Unterstützung. Den vollständigen Pflege-Report mit Familienporträts und dem Interview mit Caren Miosga lesen Sie in HÖRZU, Ausgabe 42/2026. Caren Miosgas Dokumentation „Und wer fragt nach mir?“ über pflegende Angehörige zeigt Das Erste am Montag, 26. Oktober 2026, um 20.15 Uhr.
