Was steckt hinter dem Verhältnis AfD und Medien?

Die AfD und die deutschen Medien pflegen ein Verhältnis voller Widersprüche. Auf der einen Seite beschimpft die Partei Zeitungen und Sender pauschal als „Lügenpresse“. Auf der anderen Seite nutzt sie genau diese Bühnen, um ihre Botschaften zu verbreiten. Wer das Zusammenspiel verstehen will, muss beide Seiten betrachten.

Kritik an Journalisten gehört zur Demokratie dazu. Fehler passieren, Berichte können einseitig ausfallen, das ist menschlich. Die AfD geht aber einen Schritt weiter. Sie stellt die Arbeit ganzer Redaktionen grundsätzlich infrage.

📌 AfD: Social Media als wichtiges Reichweitentool. Mehr als die Hälfte der TikTok-Follower deutscher Partei-Accounts entfiel laut einer „Sonderanalyse zum Online-Video-Monitor 2025“ von „BLM“ und „LFK“, durchgeführt von „Goldmedia“, im Bundestagswahlkampf 2025 auf die AfD. In einer Studie der „Bertelsmann Stiftung“ wurden AfD-Videos deutlich häufiger ausgespielt, als es ihrem Anteil an den veröffentlichten Partei-Videos entsprach. AfD-Spitzenkandidat kommt auf TikTok auf mehr fast 950.000 Follower. CDU-Konkurrent Sven Schulz hat weniger als 5.000 Follower (Stand: 9. September 2026, 10.30 Uhr).

Woher kommt der Kampfbegriff „Lügenpresse“?

Der Ausdruck „Lügenpresse“ tauchte erstmals bei den Pegida-Demonstrationen in Dresden auf, ab Ende 2014. Demonstranten riefen ihn den Reportern entgegen, die über die Aufmärsche berichteten. Die AfD übernahm den Begriff wenig später und machte ihn zu einem festen Bestandteil ihrer Rhetorik. Seitdem gehört das Wort zum Standardrepertoire vieler Parteianhänger.

Wie stark dieses Misstrauen mittlerweile wirkt, zeigt eine Zahl aus dem „Demokratie-Monitor“ der Universität Hohenheim. Ein Fünftel der Deutschen ist demnach überzeugt, Medien würden die Bevölkerung systematisch belügen.

Der Blog „starke-meinungen.de“ ordnet die Parole deshalb nicht als spontanen Bürgerprotest ein, sondern als gezieltes politisches Instrument. Reporter ohne Grenzen zählte allein 2025 insgesamt 55 verifizierte Angriffe auf Journalisten und Redaktionen in Deutschland.

Warum braucht die AfD die Medien trotzdem?

So laut die Partei gegen „Systempresse“ wettert, so gern sitzt sie in Talkshows. Der Politikberater Johannes Hillje beschreibt das Verhältnis als strategisches Kalkül. Die AfD verteufle unabhängige Medien öffentlich, brauche sie aber gleichzeitig als Bühne für Auftritte und Provokationen.

In den „Blättern für deutsche und internationale Politik“ erklärt Hillje in der Rubrik „Propaganda 4.0 – Die Erfolgsstrategie der AfD“, dass die Partei mit eigenen Onlinekanälen den vermeintlichen Bedarf nach „wahrhaftigen“ Informationen bedient. Kritische Journalisten erhalten dagegen selten eine Akkreditierung bei Parteitagen.

Ein AfD-Funktionär aus Sachsen-Anhalt schrieb einst in einer internen Chatgruppe, man müsse nach einer „Machtübernahme“ Journalisten überprüfen und „volksfeindliche Medien verbieten“. Solche Sätze zeigen, wie es um das Presseverständnis mancher Parteimitglieder bestellt ist.

Wie nutzt die Partei Social Media für sich?

Abseits der klassischen Presse hat sich die AfD ein zweites Standbein aufgebaut. Auf TikTok, YouTube und Facebook erreicht sie ein Millionenpublikum, ganz ohne Redaktionen dazwischen. Gerade bei jungen Wählern zahlt sich das aus.

Der „Social Media Watchblog“ hat errechnet, dass TikTok-Videos der AfD-Bundestagsfraktion im Schnitt zehnmal mehr Impressionen erzielen als Inhalte anderer Parteien.

Der rechte Berater Erik Ahrens brachte die Wirkung einmal so auf den Punkt: So habe er sich gefühlt „wie man sich 1923 gefühlt haben muss, als man das Radio für sich entdeckt hat“. Kurze Videos, klare Botschaften und viel Provokation prägen die Strategie. Andere Parteien tun sich mit diesem Format bis heute schwer.

Was bedeutet der Druck für Lokaljournalisten?

Besonders in Ostdeutschland spüren Reporterinnen und Reporter den Gegenwind hautnah. Wer kritisch über die AfD berichtet, muss häufig mit Beschimpfungen rechnen. Manche Redaktionen ziehen sich deshalb aus heiklen Themen zurück.

Das Magazin „Katapult Sachsen“ beschreibt, wie sich die Stimmung seit den ersten Pegida-Aufmärschen verändert hat. Reportern wurde früher zugewinkt, heute schlägt ihnen oft offene Ablehnung entgegen.

Der Journalist Michael Kraske fasst die Entwicklung so zusammen: „Die giftige Lügenpresse-Schmähung hat sich seit den Anfängen von Pegida zum Flächenbrand entwickelt.“ Gleichzeitig würden manche Lokalredaktionen AfD-Pressemitteilungen fast unverändert übernehmen, kritisiert der Gewerkschafter Lars Radau.

Wohin führt dieses Spannungsverhältnis?

Die Beziehung zwischen AfD und Medien bleibt deshalb ein Balanceakt. Kritischer Journalismus bleibt notwendig, gerade bei einer Partei mit rechtsextremen Rändern. Gleichzeitig braucht es Wachsamkeit gegenüber Einschüchterung und Übergriffen.

Am Ende zeigt sich: Die AfD lebt von den Medien, die sie öffentlich verachtet. Diese Ambivalenz dürfte auch die kommenden Wahlkämpfe prägen.