Kaum ist Markus Lanz aus der Sommerpause zurück, schon ist der nächste Shitstorm perfekt. In der Sendung vom Dienstag (18. August) stand vornehmlich die Frage der Sicherheit im Zentrum, die gerade nach dem gescheiterten Anschlag am Flughafen Leipzig/Halle viele im Land herumtreibt.
Ein „hybrider Angriff“, wie im Anschluss mehrfach von Regierungskreisen betont wurde. Also eine Form der Kriegsführung, bei der unter anderem die Beweisbarkeit fehlt, sodass sich die Täter immer hinter Ausreden verstecken können. Offiziell weiß niemand, von wem der versuchte Anschlag ausging. Das machte die Diskussion darüber aber auch (notwendigerweise?) abstrakt. Vielleicht zu abstrakt. Sicherheitsexperte Peter Neumann (51) stimmte in der ZDF-Talkshow ganz andere Töne an – und bringt auch Vergeltung ins Spiel.
📌 Hybride Kriegsführung Hybride Kriegsführung bezeichnet die verdeckte Kombination aus militärischen und nicht-militärischen Mitteln. Ziel ist es, Staaten von innen heraus zu destabilisieren und Demokratien zu schwächen, ohne die offizielle Schwelle zum klassischen Krieg zu überschreiten. Dabei bleibt die Täterschaft oft im Unklaren (Plausible Deniability).
Sicherheitsexperte wird nach Drohnen-Anschlag deutlich
Peter Neumann ist ein deutscher Politikwissenschaftler und forscht am King’s College in London zu Terrorismus sowie Extremismus. Er stellt die Ereignisse am Flughafen Leipzig/Halle folgendermaßen dar: „Wir hatten ein Ziel, das waren offensichtlich die ukrainischen Transportmaschinen (…). Wir haben eine Routine Russlands, wo wir wissen, dass seit 2022 ganz viele sogenannte gefährliche Drohnenüberflüge stattfinden. (…) Und wir haben auch einen strategischen Kontext“, so der Experte.
Damit meint er die Tatsache, dass Russland derzeit selbst von der Ukraine gezielt mit Drohnen angegriffen wird. In diesem Zug habe Putin auch angekündigt, dass das Konsequenzen haben werde „für das ‚Hinterland‘ der Ukraine“, so Neumann. „Womit er die NATO-Staaten meint.“
DNA-Spuren an der Drohne selbst würden eine mögliche Verbindung zum Kreml noch unterstützen. Aus seiner Sicht scheint die Sache klipp und klar: „Eine Spur auf der Drohne in Leipzig führt zu einem Netzwerk, wo wir wissen, dass es vom russischen Militärgeheimdienst angeführt wurde.“ Sein Urteil: „Besser als Beleg geht es nicht.“
„Wie vergelten wir?“
Aus seiner Sicht braucht Deutschland eine klare Strategie angesichts der russischen Bedrohungslage: Man müsse Infrastruktur besser schützen, müsse sich vorbereiten, müsse Abläufe schaffen. Und: „Wir müssen uns überlegen: Wie vergelten wir?“
Wie eine solche „Vergeltung“ aussehen könnte? „Das könnte eine Antwort symbolischer Art sein, man könnte sagen: Wir schließen das Russische Haus oder wir weisen den Botschafter aus. Es kann aber auch etwas Substantielleres sein. Wir können sagen, wir machen jetzt verdeckte Operationen gegen Cybernetzwerke in Russland, wir gehen aggressiver gegen die Schattenflotte vor, wir machen Sanktionen“, so der Experte.
„Das ist wahrscheinlich zu viel“
Heftige Worte, die natürlich eine nicht zu unterschätzende Gefahr in sich bergen. Denn entscheidend für eine derartige Vergeltung wäre natürlich eine zweifelsfreie Urheberschaft des Anschlages. Ansonsten würden wir Russland Tür und Tor für eigene „Vergeltungen“ öffnen.
Genau das ist eben die Krux bei hybrider Kriegsführung – und Neumann gesteht sich das auch ein. „Gar nicht zu reagieren, ist etwas, das Schwäche signalisiert. Zu stark zu reagieren – also in eine Auseinandersetzung mit Russland einzusteigen –, das ist wahrscheinlich zu viel.“
Die NATO kann nicht nur zuschauen
Im Prinzip also mal kurz den Bizeps flexen, damit Putin in seinem Bunker verschwindet. Wäre eine viel stärkere Reaktion, aber nicht, solche hybriden Angriffsversuche einfach in ihrem Keim zu ersticken? Indem Schutzmechanismen greifen, Ermittlungen schnell zum Erfolg führen und die Infrastruktur aufrechterhalten wird?
Denn klar ist auch: Eine zu starke Reaktion im Alleingang würde auch die NATO-Partner in eine unbequeme Position versetzen. Nicht ohne Grund hat die NATO bereits im Januar 2026 in einer Stellungnahme zur hybriden Kriegsführung festgehalten: „Die Hauptverantwortung für die Reaktion auf hybride Bedrohungen oder Angriffe liegt beim betroffenen Land.“
Stattdessen verfolgt das Verteidigungsbündnis eine Strategie, die viel mehr auf Abschreckung und Vorbereitung setzt. Sollte die Abschreckung allerdings scheitern, „ist die NATO bereit, jeden Verbündeten gegen jede Bedrohung zu verteidigen“.
