Im Interview mit „ntv.de“ ordnet der Sicherheitsexperte Michael Paul Islands schwierige Lage ein. Die Regierung in Reykjavík sucht zusätzliche Garantien und blickt dabei verstärkt auf die EU. Am kommenden Samstag (29. August) entscheidet die Bevölkerung, ob Island die Beitrittsgespräche mit Brüssel wieder aufnehmen soll.
Bereits 2013 befand sich das Land auf EU-Kurs. Nach ihrem Wahlsieg stoppte eine skeptische Mitte-Rechts-Koalition jedoch die Verhandlungen. Die Vorbehalte vieler Isländer hätten historische Gründe, erklärt Paul. Heute steht das Land allerdings vor neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen.
📌 Island und die EU Das Verhältnis zwischen Island und der Europäischen Union (EU) ist von einer engen wirtschaftlichen Integration bei gleichzeitiger politischer Eigenständigkeit geprägt. Das Land steht aktuell vor einer historischen Weichenstellung. Am 29. August 2026 stimmt die isländische Bevölkerung in einem Referendum darüber ab, ob das Land die EU-Beitrittsverhandlungen wieder aufnehmen soll. Eigentlich war das Votum erst für 2027 geplant. Sicherheitsbedenken im Nordatlantik, Russlands Aktivitäten in der Arktis sowie provokante Äußerungen aus den USA bezüglich einer Aneignung Grönlands trieben die Regierung dazu, das Referendum vorzuziehen.
Trump verstärkt Islands Sorgen
„Island befindet sich heute in einer ähnlichen Lage wie Deutschland und die anderen Arktisstaaten“, sagt Paul. Russlands Angriff auf die Ukraine habe Europas Sicherheitslage grundlegend verändert. Das gelte besonders für die Arktis und die strategisch bedeutende GIUK-Lücke.
Diese Meeresregion liegt zwischen Grönland, Island und Großbritannien. Im Konfliktfall könnten russische U-Boote und Schiffe dort in den Nordatlantik vordringen. Zusätzliche Nervosität verursachen Trumps Aussagen über Grönland. Trump fordert, die Insel solle „von den Vereinigten Staaten kontrolliert werden, nicht von Dänemark“.
Trump bringt Reykjavík unter Druck
Trump verwechselte Grönland und Island laut Paul bei seinen Annexionsdrohungen mehrfach. Auch Billy Long sorgte für Aufsehen. Trumps designierter Botschafter nannte Island scherzhaft den „52. Bundesstaat“. „Das hat in Island Verunsicherung ausgelöst und Debatten darüber befördert, wie sich die Sicherheitslage verbessern lässt“, erklärt der Sicherheitsexperte weiter gegenüber „ntv.de“.
Reykjavík vertieft deshalb die Zusammenarbeit mit nordeuropäischen Staaten und Großbritannien. Eine wichtige Rolle spielt die Nordic Defence Cooperation. Zudem schloss Island bilaterale Abkommen, darunter eines mit Deutschland. Berlin will sich stärker an der Überwachung des isländischen Luft- und Seeraums beteiligen.
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Auch zur EU rückt das Land näher. Im März 2026 unterzeichneten Kaja Kallas und Außenministerin Þorgerður Katrín Gunnarsdóttir die EU-Island Security and Defence Partnership. Sie sieht mehr Kooperation in der Arktis und bei maritimer Sicherheit vor. „Es geht vor allem um Diversifizierung“, betont Paul.
Island will Verteidigungsbündnis mit den USA festigen
Von Washington wendet sich Reykjavík trotzdem nicht ab. Island will das Verteidigungsbündnis mit den USA festigen und seine Nato-Mitgliedschaft stärken. Auch der Austausch mit der Trump-Regierung läuft intensiver. Ob Trump konkrete Sicherheitszusagen macht, bleibt laut Paul allerdings offen.
Amerikas Interesse an Island dürfte dennoch bestehen bleiben. Schon 1832 diskutierte Washington über eine Annexion Grönlands. Dabei sei stets auch Island erwähnt worden, erklärt der Experte. Die geografische Lage macht das Land für die Verteidigung Amerikas unverzichtbar.
Die Regierung setzt deshalb auf mehrere Partner: NATO, USA, Nordeuropa und EU. Ob auch die Bevölkerung diesen Kurs Richtung Brüssel unterstützt, zeigt das Referendum. Für Reykjavík geht es dabei nicht nur um Europa, sondern ebenso um Schutz in einer zunehmend unsicheren Arktis.
