CDU-Europaabgeordneter Dennis Radtke hat im Interview mit Markus Lanz eine neue Stadtbild-Debatte losgetreten. Erst musste sich Bundeskanzler Friedrich Merz für seine Aussagen zum „Stadtbild“ scharfer Kritik stellen. Jetzt legt mit Radtke der nächste CDU-Politiker nach. Dieses Mal aber mit einer ganz anderen Botschaft.
Merz hatte bei einer Pressekonferenz im Oktober 2025 gesagt: „Wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem.“ Diese Aussage sorgte bundesweit für Empörung. Wen er meinte blieb unklar.
📌 So kam es zu Merz „Stadtbild“-Debatte Ursprung der Debatte: Bei einer Pressekonferenz im Oktober 2025 sagte Merz: „Wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem, und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen.“ Wen genau er damit meinte, ließ er offen. Verteidigung ohne Rückzieher: Auf Nachfrage, ob er die Aussage zurücknehmen wolle, entgegnete Merz: „Ich habe gar nichts zurückzunehmen. Im Gegenteil!“ Zudem verwies er darauf, man solle „seine Töchter fragen“, was er damit gemeint habe. Bundesweite Kritik und Nachwirkung: Die Aussage löste breite öffentliche Empörung aus und wurde als vage und stigmatisierend kritisiert. Sie bildete den Ausgangspunkt für die aktuelle Debatte, in der CDU-Politiker Dennis Radtke inzwischen eine gegenteilige Position vertritt.
CDU-Politiker Radtke tritt neue Stadtbild-Debatte los
Radtke schlägt bei Lanz einen anderen Ton an. Er findet: „Selbst wenn wir jeden illegalen Migranten abgeschoben haben, wird sich an vielen Stellen im Stadtbild nichts verändern.“ Als Beispiel nennt er seinen Heimatort Wattenscheid. Dort gebe es keinen deutschen Metzger und kein Kino mehr. Nicht, weil zu viele Migranten da seien, sondern weil Arbeitskräfte fehlen.
Damit widerspricht Radtke indirekt seinem Parteichef Merz. Während Merz einen Zusammenhang zwischen Migration und dem Erscheinungsbild der Städte andeutete, sagt Radtke: Selbst ohne illegale Migranten würde sich am Stadtbild kaum etwas ändern. Doch hat er damit recht?
Was ist eigentlich „illegale Migration“?
Um diese Frage zu beantworten, muss zuerst geklärt werden, was „illegale“ oder „irreguläre“ Migration überhaupt ist. Der Begriff beschreibt, dass Menschen ohne die nötige Erlaubnis oder ohne die vorgeschriebenen Dokumente einreisen, sich aufhalten oder arbeiten. In Deutschland wird er vor allem für unerlaubte Einreisen und für Menschen ohne Aufenthaltsrecht, ohne Duldung und ohne Kenntnis der Ausländerbehörden verwendet. Wichtig: Irregulär ist der rechtliche Status, nicht der Mensch. Asylsuchende können ohne gültige Einreisepapiere ankommen und trotzdem das Recht haben, Schutz zu beantragen.
Abgeschoben werden kann jemand erst, wenn sein Asylantrag rechtskräftig abgelehnt wurde und kein Abschiebungsverbot vorliegt. Der Betroffene wird zunächst aufgefordert, freiwillig auszureisen. Erst wenn diese Frist verstreicht, kann die Ausländerbehörde mit Unterstützung der Polizei eine zwangsweise Abschiebung durchführen.
Zahl der Asylanträge geht zurück
Wie viele Menschen sind aktuell überhaupt betroffen? Die Zahl der Asylanträge in Deutschland ist zuletzt deutlich gesunken. Im ersten Halbjahr 2026 wurden insgesamt 56.547 Asylanträge gestellt, davon 39.646 Erstanträge. Ein Rückgang von 35,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum und der niedrigste Halbjahreswert seit rund zehn Jahren. Im Juli 2026 kamen weitere 4.311 Erstanträge hinzu, ein Minus von rund 48 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat.
Über diesen Rückgang hinaus wurden im ersten Halbjahr 2026 rund 120.189 Asylverfahren entschieden, bei einer Gesamtschutzquote von 38,7 Prozent. Ein Grund für die veränderte Statistik: Am 12. Juni 2026 ist die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) in Kraft getreten, die das europäische Asylsystem grundlegend vereinheitlicht hat.
Anteil der „illegalen“ Migranten bei 0,2 Prozent
Laut Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) gibt es in Deutschland insgesamt 3,2 Millionen Schutzsuchende. Davon haben 2,7 Millionen (83,4 Prozent) einen anerkannten Schutzstatus, 360.500 (11,1 Prozent) einen offenen Status und 178.330 (5,5 Prozent) einen abgelehnten Status. Von diesen 178.330 Personen sind 140.475 geduldet, 13.910 „latent“ und nur 23.945 tatsächlich vollziehbar ausreisepflichtig.
Bezogen auf die Gesamtbevölkerung entsprechen die 178.330 gerade einmal 0,2 Prozent, bezogen auf die Bevölkerung mit Migrationshintergrund 0,6 Prozent und bezogen auf die ausländische Bevölkerung 1,3 Prozent. Mit anderen Worten: Diese Gruppe der „illegalen“ Migranten ist im sogenannten „Stadtbild“ praktisch nicht sichtbar.
Migrationsforscher Brücker gibt Radtke recht
Auf Grundlage der Zahlen stimmt Migrationsforscher Prof. Dr. Herbert Brücker vom IBA Radtke zu. „Zumindest aus statistischer Perspektive hat Herr Radtke recht“, erklärt er im Gespräch mit unserer Redaktion. „Mich hat es schon immer gewundert, dass von rechts, aber eigentlich letztlich auch von links, immer ein Fokus auf die geduldeten, abgelehnten Asylbewerbern liegt.“ Zwar sei diese Gruppe seit 2015 gewachsen, allerdings nur marginal. Ein Anteil von 0,2 Prozent falle im Stadtbild schlicht nicht auf.
Er betont: „Die große Mehrheit der Menschen, die nach Deutschland gekommen sind, hat einen anerkannten Schutzstatus.“ Zwar liege die Ablehnungsquote in erster Instanz bei rund 50 Prozent, doch viele Antragsteller erhalten später doch noch eine Anerkennung, etwa durch Gerichte oder Folgeanträge. Auch diese Menschen halten sich völlig legal in Deutschland auf.
Im politischen Diskurs entstehe dadurch ein verzerrtes Bild, so Brücker. Man rede ständig über „Abschiebeinitiativen“, dabei habe die überwiegende Mehrheit einen legalen Status. Zur geringen Zahl an Menschen, die trotz abgelehntem Antrag noch im Land sind, sagt er: „Ich vermute, dass viele Menschen, die einen abgelehnten Asylantrag haben, Deutschland ohnehin freiwillig verlassen.“ Ein Leben unterhalb des behördlichen Radars sei schwierig.
Und wie steht es um die finanzielle Last? „Generell ist es so, dass Flucht und Migration natürlich etwas kostet.“ Nach zehn Jahren seien etwa 65 Prozent der Geflüchteten beschäftigt, im Bevölkerungsdurchschnitt liege die Quote bei 70 Prozent. Die anfänglichen fiskalischen Belastungen seien hoch, würden sich aber mit der Zeit deutlich verringern. Der geringe Anteil illegaler Migranten mache dabei ohnehin keinen großen Unterschied. „Die gesamtwirtschaftlichen Folgen wären vor dem Hintergrund der kleinen Zahlen überschaubar“, meint der Wissenschaftler.
Was wäre, wenn tatsächlich alle abgeschoben würden?
Was also wäre, wenn tatsächlich alle „illegalen“ Migranten abgeschoben würden? Die Zahlen geben eine klare Antwort: Selbst wenn alle 178.330 Menschen mit abgelehntem Schutzstatus Deutschland verlassen würden, bliebe das Stadtbild weitgehend unverändert. Mit einem Bevölkerungsanteil von nur 0,2 Prozent handelt es sich um eine Gruppe, die im Alltag kaum wahrnehmbar ist. Leere Metzgereien, geschlossene Kinos oder fehlende Fachkräfte, wie Radtke sie in Wattenscheid beschreibt, haben andere Ursachen, etwa den Wandel durch Online-Handel oder den Rückgang von Ausbildungszahlen.
Brücker bringt es auf den Punkt: „Die Stadtbilddebatte hat eher etwas mit anderen Faktoren zu tun. Ich habe auch das Gefühl, gemeint sind nicht die ‚irregulären‘ Migranten, sondern alle Menschen, die anders aussehen – unabhängig von ihrem rechtlichen Aufenthaltsstatus.“
