Zu den Klängen von „Eye of the Tiger“ zieht der Kanzler in die Münchner Messehalle ein. Auf dem CSU-Parteitag am 24. Oktober steuert Friedrich Merz direkt auf Ilse Aigner zu und verteilt Küsschen auf die rechte und linke Wange. Bereits nach drei Sekunden seiner Rede erwähnt er die 61-Jährige namentlich, woraufhin die 700 Delegierten jubelnd die Arme hochreißen.
Spontan springt die Politikerin auf und winkt strahlend in die Menge. Dabei trägt sie ganz bewusst schwarz-rote Kleidung und eine goldene Kette. Für die Christsozialen geht es an diesem Wochenende vor allem um eine einzige Personalie. Macht der Regierungschef die Wunschkandidatin von Markus Söder zur ersten Bundespräsidentin des Landes?
📌 Das ist Ilse Aigner Vom Elektrohandwerk in die Politik: Ilse Aigner absolvierte eine Ausbildung zur Radio- und Fernsehtechnikerin und qualifizierte sich später zur staatlich geprüften Elektrotechnikerin. Von 1990 bis 1994 entwickelte sie elektrische Systeme für Hubschrauber bei Eurocopter. Fünf Jahre Bundesministerin: Von 2008 bis 2013 war Aigner Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Damit sammelte sie bereits Regierungserfahrung auf Bundesebene. Seit 2018 an der Spitze des Landtags: Aigner wurde im November 2018 zur Präsidentin des Bayerischen Landtags gewählt. In diesem Amt leitet sie die Plenarsitzungen und repräsentiert das Landesparlament.
Langes Schweigen trotz großer Gesten
Nach der herzlichen Begrüßung bringt der Kanzler den Saal schnell auf seine Seite. Über die entscheidende Personalie verliert er in seiner 52 Minuten langen Ansprache jedoch kein einziges Wort. Ein CSU-Vorstandsmitglied erklärt dieses Vorgehen später mit parteiinternen Zwängen. Dennoch nehmen die Delegierten dem Gast sein Schweigen nicht übel.
Zuvor hatte der bayerische Ministerpräsident seine Parteikollegin offiziell für das höchste Staatsamt vorgeschlagen. Dabei unterlief Markus Söder ein bemerkenswerter Versprecher. „Die Entscheidung wird woanders gefällt, aber ich würde mir es von Herzen gönnen, wenn Ilse Aigner nächste Bundespräsidentin werden würde. Das wäre eine tolle Sache“, verkündete der CSU-Chef.
Druck auf den Koalitionspartner wächst
Im Fernsehen erhöhte der Parteichef nach dem Treffen den Druck auf die Schwesterpartei. „Eigentlich kann man schon mal argumentieren, dass wir jetzt auch ein bisschen dran wären“, forderte er mit Blick auf die vergangenen 75 Jahre ohne bayerischen Kanzler oder Präsidenten. SPD und Grüne signalisieren bereits Zustimmung für die bayerische Kandidatin.
In der CDU sorgt das offensive Drängen mittlerweile für Unmut. Eigentlich hatte der Kanzler eine Entscheidung für den Herbst angekündigt. Neben der bayerischen Landtagspräsidentin kursieren weiterhin Namen wie Karin Prien, Julia Klöckner, Annegret Kramp-Karrenbauer oder Boris Rhein für das Schloss Bellevue. Ob der Kanzler am Ende doch der bayerischen Kandidatin den Vorzug gibt, bleibt völlig offen. (mit dpa)
