Ein Foto, das es noch gar nicht gibt, sorgt für Wirbel in der deutschen Außenpolitik. Beim Treffen der G20-Außenminister in Atlanta hat Johann Wadephul seine Haltung zu einem gemeinsamen Bild mit Russlands Außenminister Sergej Lawrow innerhalb von 24 Stunden komplett gedreht.
Hintergrund ist eine diplomatische Gepflogenheit. Zum Auftakt großer Konferenzen werden alle Teilnehmenden üblicherweise gemeinsam fotografiert. Dieses sogenannte Familienfoto gehört zum diplomatischen Protokoll und zeigt die Runde geschlossen.
📌5 Fakten zum G20 Gipfel Gründung 1999: Die G20 entstanden nach der Asienkrise als Treffen der Finanzminister und Notenbankchefs. Zu den 19 Staaten kommt die EU als Mitglied hinzu. Erster Gipfel 2008: Während der Finanzkrise hob US-Präsident George W. Bush das Format in Washington auf die Ebene der Staats- und Regierungschefs. Wirtschaftliches Gewicht: Die G20-Staaten stehen für rund 85 % der weltweiten Wirtschaftsleistung und etwa zwei Drittel der Weltbevölkerung. Wechselnder Vorsitz: Das Gastgeberland wechselt jährlich. Auf Bali 2022, Neu-Delhi 2023 (mit dem Beitritt der Afrikanischen Union) und Rio de Janeiro 2024 folgte 2025 Johannesburg, der erste Gipfel auf dem afrikanischen Kontinent. Russland als Streitpunkt: Seit dem Angriff auf die Ukraine 2022 sorgt jedes Treffen mit russischer Beteiligung für Diskussionen. Russland wurde nie ausgeschlossen, und westliche Staaten vermeiden oft gemeinsame Auftritte.
Wadephul lehnt Foto mit Lawrow vorerst nicht ab
Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) hatte Anfang September beim Treffen der G20-Finanzminister in Asheville (North Carolina) ein solches Foto mit seinem russischen Amtskollegen Anton Siluanow verhindert. Gemeinsam mit anderen EU-Vertretern machte er den US-Gastgebern klar, dass man kein Bild mit dem Russen wolle.
Wadephul klang am Donnerstag (29. Oktober) dagegen noch ganz anders. Gegenüber der „Bild“ sagte er: „Es ist automatisch so, dass es gemeinsame Fotos gibt.“ Entscheidend sei, „was wir miteinander besprechen“. Das sei der „Kern von Diplomatie“.
Kehrtwende über Nacht
In der Nacht auf Freitag sickerte aus US-Kreisen durch, dass doch kein gemeinsames Foto entstehen soll. Am Morgen folgte Wadephuls Kehrtwende. „Es wird auf jeden Fall kein Familienfoto geben, auf dem unsere europäischen Partner gemeinsam mit Herrn Lawrow sind“, sagte er vor Reportern. Und weiter: „Wir müssen die Kontroversen hier am Tisch austauschen, deswegen ist das Gespräch wichtig. Aber wir dürfen auch keine falschen optischen Signale aussenden.“
Der frühere EU-Diplomat Klemens Fischer kritisiert das Verhalten des Außenministers scharf. „Wadephuls diplomatische Haltung ändert sich offenbar im Tagesrhythmus. Gestern hielt er ein Foto mit Lawrow noch für vereinbar mit europäischen Interessen, heute wäre es in seinen Augen ein falsches Signal gewesen. Besorgniserregend ist jedoch, nicht zu wissen, welche Meinung Wadephul morgen vertreten wird!“, erklärte er gegenüber „Bild“.
