Ende nach 30 Jahren: Putins Regime zwingt renommierte Zeitung zur Schließung

Russland verliert eine seiner letzten unabhängigen Stimmen. Die „Nowaja Gaseta“ stellt nach mehr als 30 Jahren ihre Arbeit ein. Chefredakteur Sergej Sokolow verkündete das Aus in einem YouTube-Video. Mit resignierter Stimme sagte er, die Zeitung sei „getötet“ worden.

Am 9. November ist Schluss: „Wir werden die Server abschalten und gehen. Die Zeitung gibt es nicht mehr.“ Behörden und Sonderdienste hätten die Redaktion zur Aufgabe gezwungen, so Sokolow.

📌 So steht es um die Pressefreiheit in Russland Platz 171 von 180: In der Rangliste der Pressefreiheit 2025 von Reporter ohne Grenzen (RSF) liegt Russland auf Platz 171. Die Medienlandschaft wird laut RSF vom Kreml oder von Kreml-nahen Oligarchen kontrolliert. Bis zu 15 Jahre Haft: Seit dem Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 drohen Medienschaffenden drakonische Strafen. Wer „falsche Informationen“ über die russische Armee verbreitet, riskiert bis zu 15 Jahre Gefängnis. Viele der im Land gebliebenen Journalisten arbeiten laut RSF deshalb im Untergrund. Fast alle unabhängigen Medien getroffen: Laut RSF wurden 2022 fast alle unabhängigen Medien in Russland verboten, gesperrt oder zu „ausländischen Agenten“ erklärt. Manche traf alles zusammen. Wer als „Auslandsagent“ gilt, darf zum Beispiel keine Mieteinnahmen oder Tantiemen beziehen.

„Nowaja Gaseta“ muss Arbeit einstellen

Der Druck zur Schließung kam von mehreren Seiten. Im Oktober setzte der Vermieter der Redaktion eine Frist von einem Monat. Bis dahin muss sie das Gebäude im Zentrum Moskaus räumen. Zeitgleich verschwand das System, über das Leser Spenden schickten, berichtet die „Tagesschau„. Laut „NZZ“ blockierten Banken den Zugang. Damit fehlte der Zeitung das Geld.

Auch Sokolow selbst geriet ins Visier. Ermittler durchsuchten seine Wohnung und nahmen ihn vorübergehend fest. Beim Ermittlungskomitee musste er als Zeuge aussagen. Danach kehrte er in die Redaktion zurück.

Staat stufte Zeitung als „ausländischen Agenten“ ein

Hintergrund ist der Fall von Journalist Oleg Roldugin. Er recherchierte zu Korruption in höchsten Kreisen. Nun werfen ihm die Behörden vor, illegal personenbezogene Daten gesammelt und verbreitet zu haben. Ihm drohen bis zu sechs Jahre Haft. Im September stufte der Staat die gesamte Redaktion als „ausländischen Agenten“ ein. Mehr als 100 Journalisten und Autoren landeten auf der Liste.

Die „Nowaja Gaseta“ zahlte schon früher einen hohen Preis für ihre Berichterstattung. Sechs Mitarbeiter wurden ermordet, darunter Anna Politkowskaja. Gründer Dmitri Muratow widmete ihnen seinen Friedensnobelpreis von 2021. Im September 2022 entzog ein Moskauer Gericht die Drucklizenz. Seither erschien das Blatt nur online.

Bundesregierung verurteilt Schließung

Die Bundesregierung verurteilte die Schließung. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes erklärte laut „Bild„, der Schritt passe „in das Bild, wie mit großer Nachdrücklichkeit, mit großer Brutalität und auch systematisch freie Berichterstattung in Russland durch die russische Regierung verhindert wird“.

In Russland endet die „Nowaja Gaseta“ damit endgültig. Weiter erscheint nur die 2022 in Riga gegründete „Nowaja Gaseta Europa“, die aus dem Exil arbeitet.